In OMAS ZEITung (28) : Kinderfest

Dorothea Spannagel war Lokalreporterin im Berlin der 50er Jahre. Ihr Enkel Lars entdeckt ihre Texte neu. Diesmal: Oma Thea beobachtet Kinder aus Ost und West beim Spielen.

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Foto: Repro: Tsp

Mein erster Besuch in Ost-Berlin mit meiner Wilmersdorfer Schulklasse ist ein Debakel. Kurz nach der Wiedervereinigung fahren wir rüber, ich weiß nicht mehr, ob nach Lichtenberg, Friedrichshain oder Weißensee. Für uns Zwölfjährige sieht im Osten sowieso alles gleich aus, zumindest wollen wir uns das einreden. Wir besuchen eine Schulklasse im selben Alter, unser Lehrer hat den Ausflug organisiert. Doch das Eis zwischen uns und den anderen will nicht brechen. Die Cola schmeckt widerlich, solche Frisuren haben wir noch nie gesehen, guck mal, was die anhat. Nicht einmal der spontane Lambada-Wettbewerb – ich lande mit meinem Kumpel Christoph auf dem zweiten Platz – hebt die Stimmung. Die beiden Gruppen bleiben für sich, nach ein paar Stunden fahren wir wieder nach Hause, ein zweites Treffen fällt aus.

Die geplante Klassenpartnerschaft kommt nie zustande. Irgendwie scheinen wir einfach nichts gemeinsam zu haben, nicht mit denen.

„War geil, Mann. Wir haben die echt fertiggemacht“

Ein paar Jahre später – wir sind jetzt prachtvoll in der Pubertät – startet ein anderer Lehrer einen neuen Versuch und meldet uns für ein moderiertes Gespräch mit einer Klasse aus Ost-Berlin an. Ich werde am Abend vorher krank und kann leider nicht mitgehen, am nächsten Tag berichtet mir ein Klassenkamerad stolz: „War geil, Mann. Wir haben die echt fertiggemacht.“

1953, mitten im Kalten Krieg, sind manche Dinge noch nicht so kompliziert. „So vergnügt wie am Sonnabend ging es seit Jahren nicht mehr in der verwaisten Friedrichstraße und am Luckauer Platz zu“, schreibt meine Oma Thea am 16. August. Unter dem Titel „Frohsinn an der Sektorengrenze“ berichtet sie in der „Neuen Zeitung“ von einer ungewöhnlichen Versammlung: „Zehn Meter vom Ostsektor entfernt waren Ost- und Westberliner Kinder zu einem fröhlichen Straßenkinderfest zusammengekommen.“ Der unvermeidliche Kreuzberger Bezirksbürgermeister Willy Kressmann verteilt Bonbons und Eis, „selbst die acht kasernierten Vopos schauten nicht mehr ganz so finster über die Grenze“.

Die Artikel meiner Oma sind meist relativ sachlich, auch diesmal zählt sie brav die 20 Kindergärtnerinnen und vier Musiker auf, die das Fest begleiten. In dem Kinderfest aber sieht sie anscheinend eine tiefere Bedeutung – oder will sie zumindest herbeischreiben. „Beim Seilspringen, Sackhüpfen, Kartoffellaufen und Blindekuhspielen waren die Ostberliner Kinder genauso siegreich wie die Westberliner“, betont sie in ihrem Text. „Und auch am Lachen waren sie voneinander nicht zu unterscheiden.“

Ich kann mich nicht daran erinnern, wie die Kinder damals bei meinem ersten Besuch in Ost-Berlin gelacht haben. In meiner Erinnerung herrscht in dem Klassenzimmer ein hilfloses Schweigen, untermalt und verstärkt von Lambada.

Diese Kolumne ist gedruckt in der Tagesspiegel-Samstagsbeilage Mehr Berlin erschienen. Alle Folgen finden Sie unter diesem Link.

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