In OMAS ZEITung (31) : Sängerknaben

Dorothea Spannagel war Lokalreporterin im Berlin der 50er Jahre. Ihr Enkel Lars entdeckt ihre Texte neu. Diesmal: Eine West-Berliner Institution sucht Nachwuchs.

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Foto: Repro: Tsp

Am 5. Oktober 1950 liegt in Schöneberg „ein Singen in der Luft“. Etliche kleine Jungen strömen mit ihren Müttern in das Jugendklubhaus in der Hauptstraße Nummer 40. Manche kommen freiwillig und begeistert, andere sträuben sich ein wenig. Viele der Jungs sind nervös, schließlich bewerben sie sich an diesem Tag um die Aufnahme in eine West-Berliner Institution: Wenige bange Minuten und ein paar mehr oder weniger gerade Töne entscheiden darüber, ob sie in den illustren Kreis der Schöneberger Sängerknaben aufgenommen werden.

Auch meine Oma Thea ist in die Hauptstraße gekommen, um für die „Neue Zeitung“ über die Aufnahmeprüfung zu berichten. Der Chor sucht laut Anzeige „stimmbegabte Jungen im Alter von sieben bis elf Jahren“, 135 hoffnungsvolle Sänger bewerben sich. „Uwe, fünf Jahre alt und schon in der richtigen Schreibeschule, wie er versichert, singt ,Laterne, Laterne‘“, schreibt meine Oma. „Wäre der Text nicht, das Lied wäre nicht zu erkennen.“ Chorleiter Gerhard Hellwig stellt fachmännisch fest, dass Uwe überhaupt nicht singen kann. „Nein, aber lesen. Ich wollte ja nicht herkommen, aber Mutti wollte“, antwortet der Junge. Hellwig bietet ihm an, es in zwei Jahren noch mal zu probieren. „,Jut‘, sagte Uwe.“

55 Jungs werden abgelehnt

Die Schöneberger Sängerknaben sind mehr als 60 Jahre lang kleine Berühmtheiten in Berlin, Bürgermeister Ernst Reuter nennt sie einmal „Berlins jüngste Botschafter“. Bis kurz vor seinem Tod im Jahr 2011 leitet Gerhard Hellwig den Chor. Meine Oma berichtet bei der Aufnahmeprüfung von großem Stolz der Angenommenen und Tränen bei den 55 Jungs, die abgelehnt wurden.

In meiner Familie hatte nie irgendjemand musikalische Ambitionen, auch meine Oma nicht. Sie spielte zwar ab und zu Gitarre, an mehr als ein zögerliches „Kumbaya, my lord“ kann ich mich aber nicht erinnern. Für uns Enkelkinder war ihr Stimmgerät ohnehin viel spannender. Mein Vater weigerte sich als Kind im Musikunterricht gar komplett zu singen, kassierte lieber eine Fünf, als den Mund vor seinen Mitschülern aufzumachen. Ich selbst wählte kurz vor dem Abitur für ein Semester zwar noch einmal den Kurs „Musik Ensemble“ – aber nur um den unverzeihlichen Fehler zu korrigieren, vorher Informatik belegt zu haben.

Für einige der Bewerber, über die meine Oma 1950 berichtet, ist das Singen aber eine Herzensangelegenheit. Der kleine Bernd muss sich vom Chorleiter sagen lassen, er singe „ganz schön schmalzig“. Laut meiner Oma antwortet er wie „ein echter Berliner“ – schlagfertig eben: „Das ist bloß, weil ich Schnupfen habe.“ Am Ende werden 80 Sängerknaben aufgenommen, ab sofort proben sie zwei Mal pro Woche mit dem Chor und haben die Chance, im Fernsehen aufzutreten und um die Welt zu reisen. Auch der verschnupfte Bernd, der kleine, echte Berliner, ist dabei.

Diese Kolumne ist gedruckt in der Tagesspiegel-Samstagsbeilage Mehr Berlin erschienen. Alle Folgen finden Sie unter diesem Link.

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