In OMAS ZEITung (34) : Re im Freien

Dorothea Spannagel war Lokalreporterin im Berlin der 50er Jahre. Ihr Enkel Lars entdeckt ihre Texte neu. Diesmal: Oma Thea besucht Skatspieler in Neukölln.

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Foto: Repro: Tsp

Eine Zockerin war meine Oma Thea nicht. Auch wenn sie eine futuristisch wirkende Karten-Misch-Maschine besaß, die wir Enkelkinder sehr bewunderten: Außer einer gelegentlichen Partie Canasta oder Scrabble interessierte sie sich nicht so sehr für Spiele. Auch Skat hat sie nicht gespielt – obwohl sie mit ihren beiden Kindern, meinem Vater und meiner Tante, zumindest von der Zahl der Mitspieler ein perfektes Trio abgegeben hätte.

Im Mai 1951 hindert die Unkenntnis der Materie meine Oma allerdings wie so oft nicht daran, in der „Neuen Zeitung“ über eine neue Begebenheit zu schreiben: Am Stadion Neukölln sind Freiluft-Skattische aufgestellt worden.

Okay, den ziemlich platten Einstiegssatz „Neuköllns Skatspieler sind aus dem Schneider“ hätte ich ihr heutzutage als Tagesspiegel-Redakteur nicht durchgehen lassen. Dafür lerne ich in dem kurzen Artikel, dass die quadratischen Tische mit ihren anmontierten Sitzen „wie kleine Karussells“ wirken, auf denen sich alles ums Reizen und Stechen dreht. Meine Oma beschreibt das neue Refugium für Neuköllns Skatfreunde als Paradies, aus dem sie sich nicht vertreiben lassen, „ob die Sonne brennt oder eisiger Wind bläst“.

"Auch Frauen sind zugelassen"

Wenn es doch einmal zu nass wird, halten eben die zahlreichen Kibitze die Regenschirme, Klappstühle haben die Zuschauer ohnehin dabei. Und „wer bei gutem Wetter einen Platz haben will, muss vor 8 Uhr zur Stelle sein“. Eine Mittagspause gibt es nicht, die echten Profis haben sich Proviant für den ganzen Tag mitgenommen. „Auch Frauen sind zugelassen, wenn die Runde mal nicht komplett ist“, schreibt meine Oma.

Ich finde die Vorstellung schön, dass 1951 etliche Neuköllner freudig aus dem Bett sprangen, um sich im Morgengrauen an der frischen Luft zum Skatspielen zu treffen – oder sogar nur, um dabei zuzuschauen. Aus meiner eigenen Kindheit kenne ich nur die Freiluft-Schachspieler im Sommerbad Lochowdamm, die weißhaarig, braun gebrannt und schwitzend die übergroßen Figuren auf dem riesigen Schachbrett hin- und herschoben, das mit großen schwarzen und weißen Fliesen auf dem Boden markiert war. Als ich aufs Gymnasium ging, gab es im Park vor meiner Schule immerhin kleine Schachtische mit aufgemalten Spielfeldern, die den Skattischen von 1951 bestimmt nicht unähnlich waren. In großen Pausen und Freistunden haben wir an diesen Tischen alles Mögliche gemacht, aber bestimmt nie Schach gespielt.

Ich habe keine Ahnung, was aus den Skattischen in Neukölln geworden ist. Vielleicht stehen sie ja sogar noch und werden täglich von älteren Männern benutzt, die sich grimmig anschweigen und filterlose Zigaretten rauchen. In diesem Fall würde ich da zur Aufheiterung gerne mal mit einem Klappstuhl für einen schönen Skatabend vorbeischauen, am besten im Morgengrauen.

Diese Kolumne ist gedruckt in der Tagesspiegel-Samstagsbeilage Mehr Berlin erschienen. Alle Folgen finden Sie unter diesem Link.

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