In OMAS ZEITung (38) : Handverkauf

Dorothea Spannagel war Lokalreporterin im Berlin der 50er Jahre. Ihr Enkel Lars entdeckt ihre Texte neu. Diesmal: Oma Thea trifft ihre Leser

Oma Thea beim Verkauf auf der Steglitzer Schloßstraße
Oma Thea beim Verkauf auf der Steglitzer SchloßstraßeFoto: Promo

Der Zeitungsleser ist für uns Journalisten ein weitgehend unbekanntes Wesen. Was interessiert ihn? Wann blättert er genervt um? Will er mehr Konzertkritiken? Längere Politiker-Interviews? Weniger Fußball? Nur noch Leitartikel? Natürlich bekommen wir böse Anrufe, kritische E-Mails und ab und zu sogar einen netten Brief. Außerdem gibt es teure „Readerscan“-Analysen, die das Leseverhalten ein wenig durchschaubarer machen.

Meine Oma Thea wählt 1950 am Tag vor Heiligabend einen anderen Weg: Weil sie ihre Leser sonst „von Angesicht zu Angesicht höchstens durch Zufall kennenlernt“, stellt sie sich auf die Steglitzer Schloßstraße und bietet die Weihnachtsausgabe der „Neuen Zeitung“ zum Kauf an. Und guckt mal, wer da so kommt.

"Die Schloßstraße ist voll hastender Menschen“

„Als zünftige Zeitungshändlerin mit Kappe, knallgelbem Cape und prall gefüllter Umhängetasche“ wartet sie auf Kundschaft. „Es ist Sonnabend Mittag“, berichtet sie in ihrem Artikel tags darauf, „die Schloßstraße ist voll hastender Menschen.“ Ihr Geschäft läuft gut, „meine Tasche scheint mir gar nicht so schwer, und nach zehn Minuten erklärt der Siebenjährige vor mir, der mich nicht aus den Augen gelassen hatte: ,Na, Sie machen sich aba.‘ “

Foto: Repro: Tsp

In den ersten 18 Minuten wird meine Großmutter 35 Zeitungen los. Entweder ist sie eine begnadete Verkäuferin – oder die „Neue Zeitung“ ist wirklich sehr gefragt. Vielleicht liegt es auch an ihrem Aussehen und dem schicken Verkäuferinnenoutfit. „Ein junger Mann versucht einen schnellen Flirt“ – meine Oma wünscht ihm ein frohes Fest. Und einem kleinen Jungen, „der sich an meine Fersen heftete und immer wieder Christkind zu mir sagte“, drückt sie ein Freiexemplar in die Hand. Der Kundenstrom nimmt immer weiter zu, „ich sehe nur noch Hände, Zeitungen, Geld, mechanisch sage ich immer wieder ,Bitte – danke‘ “.

Ein Mann bleibt meiner Oma im Gedächtnis. Er sammelt das Geld in „seiner klammen Börse“ zusammen und sagt: „Auf Sie habe ich schon gewartet, nun habe ich drei Tage lang zu lesen.“ Meine Oma ist stolz, dass sie zur Weihnachtsunterhaltung des Mannes beigetragen hat, jetzt hat sie Sicherheit. Mir bleibt nur die Vermutung: Irgendwer wird das hier schon lesen. Ganz bestimmt.

Diese Kolumne ist gedruckt in der Tagesspiegel-Samstagsbeilage Mehr Berlin erschienen. Alle Folgen finden Sie unter diesem Link.

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