In OMAS ZEITung (39) : Alte Sorgen

Dorothea Spannagel war Lokalreporterin im Berlin der 50er Jahre. Ihr Enkel Lars entdeckt ihre Texte neu. Diesmal: Oma Thea interviewt die Bezirksbürgermeister.

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Foto: Repro: Tsp

Selbst in Berlin, der sich ewig wandelnden Stadt, ändern sich manche Dinge anscheinend nie. „Nach dem Wohnungsbau ist der Schulbau meine größte Sorge“, sagt Adolf Dünnebacke zum Jahreswechsel 1953/54 meiner Oma Thea. Dünnebacke ist Bezirksbürgermeister von Reinickendorf, meine Großmutter klappert für eine Neujahrs-Seite in der „Neuen Zeitung“ alle Verwaltungschefs der zwölf West-Berliner Bezirke ab. Sie fragt bei den elf Männern und der einen Frau nach Sorgen und Wünschen, erkundigt sich nach dem persönlichen Befinden – und beschreibt so eine Stadt, die dem heutigen Berlin erstaunlich ähnelt.

Die Hasenheide wird endlich eingeweiht

Fast überall scheinen Wohnungen zu fehlen. Dr. Ottomar Batzel, Bürgermeister von Charlottenburg, spricht von „16 000 wohnungssuchenden Familien“ in seinem Bezirk, weitere 10 000 seien „unzulänglich untergebracht“. Kaum einer der Bürgermeister scheint zufrieden. Es gibt zu wenig Mittel für dringend benötigte Baumaßnahmen – oder ewige Diskussionen und schleppende Bauarbeiten, wenn doch einmal Geld da ist. Neuköllns Regierender Kurt Exner kann wenigstens stolz verkünden, dass im Mai 1954 der Trümmerberg Hasenheide mit einem Volksfest als Park eingeweiht werden soll.

Dafür schlägt Exner an anderer Stelle Alarm: Die U-Bahn-Eingänge auf dem Mittelstreifen der Karl-Marx-Allee seien „Anlass zahlreicher Unfälle“ gewesen und müssten deshalb unbedingt aus der Fahrbahnmitte verschwinden. Wenn ich mich nicht irre, ist Exners Wunsch bis heute nicht in Erfüllung gegangen. Auch sein Wilmersdorfer Amtskollege Wolfgang Rect hat eine Forderung: die neue Philharmonie müsse an der Bundesallee errichtet werden, aber zackzack, Baubeginn: März 1954! Es kommt anders, den Zuschlag für den Scharoun-Bau bekommt später das Kulturforum. Grundsteinlegung: September 1960.

Die Parteizugehörigkeit der Politiker verschweigt der Artikel. Der Ton der kurzen Porträttexte ist höflich, auf Kritik verzichtet meine Großmutter, getreu ihrer Überschrift „Bürgermeister sind auch nur Menschen wie du und ich“. Ihr Kreuzberger Lieblingsbürgermeister Willy Kressmann, über den sie schon etliche Male freundlich berichtet hat, wünscht sich eine Verwaltungsreform: „Warum zwölf Verwaltungsbezirke mit all ihren Untergliederungen und Kosten?“ Das Berlin von 1954 scheint dem von 2016 wirklich zu ähneln.

Oder doch nicht? Adolf Dünnebacke macht sich Sorgen um seine Reinickendorfer, er fordert befestigte Straßen und bessere Beleuchtung. Schließlich grenzt sein Bezirk „in einer Länge von 35 Kilometern an den Ostsektor und die Zone, Beleuchtung bedeutet da nicht nur Licht, sondern auch Sicherheit“. Wenigstens die Sorge, fiese Sowjets könnten bei Nacht und Nebel in Frohnau, Heiligensee oder Lübars einfallen, ist Berlin zum Jahreswechsel 2015/16 los.

Diese Kolumne ist gedruckt in der Tagesspiegel-Samstagsbeilage Mehr Berlin erschienen. Alle Folgen finden Sie unter diesem Link.

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