In OMAS ZEITung (40) : Junge Männer

Dorothea Spannagel war Lokalreporterin im Berlin der 50er Jahre. Ihr Enkel Lars entdeckt ihre Texte neu. Diesmal: Oma Thea besucht den CVJM.

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Wohin sollen junge Männer gehen, die neu in eine Stadt kommen? Wenn sie kein Geld haben und sich schlecht fühlen? Wo können sie sich waschen, eine gute Mahlzeit bekommen und auch einfach mal Spaß haben? 1978 beantworten die Village People all diese Fragen mit einem eindringlichen und lebensbejahenden „YMCA“. Im West-Berlin des Jahres 1951 lautet die Antwort annähernd genau so, nämlich CVJM. Der Christliche Verein Junger Männer kümmert sich zu dieser Zeit um all jene Männer, die in der Großstadt verloren zu gehen drohen. Meine Oma Thea stattet dem Vereinsheim des CVJM am 11. Februar für einen Artikel in der „Neuen Zeitung“ einen Besuch ab.

Die Nazis hatten den Verein verboten

Mit dem Christentum ist meine Oma nie so recht warm geworden, junge Männer waren da schon eher interessant. Anfang 1951 ist sie gerade mal 32 Jahre alt, aber bereits Mutter von zwei Kindern und Witwe. Ihr Leben geht weiter – als Frau und als Reporterin. Von den Männern im CVJM wird die junge Journalistin Dorothea Spannagel wohl interessiert begutachtet worden sein, Belästigungen hatte sie hingegen nicht zu befürchten. Zumindest, wenn man den Worten des West-Berliner Vereinsvorsitzenden Glauben schenken kann: „Mitglied kann jeder junge Mann werden. Er muss sich lediglich eines sittenreinen Lebenswandels befleißigen.“

Unter den Nazis war der CVJM verboten, aber „die vier Buchstaben leuchten nun wieder auch in Westberlin, die vier Buchstaben, die 1941 von der Gestapo ausgelöscht wurden“, schreibt meine Oma. Der Verein ist zehn Jahre später wieder so erfolgreich, dass sein Heim nahe des heutigen Adenauerplatzes zu klein geworden ist. Mit 400 000 D-Mark aus Mitteln der amerikanischen Hochkommission und des Bundesjugendplans will der CVJM nun ein „Haus des jungen Mannes“ bauen. „50 junge Männer, die anhanglos in Berlin leben, sollen Wohn- und Schlafräume erhalten“, berichtet meine Oma. „Außerdem sind Lesesäle, Spielräume für Tischtennis, Schach und andere Gesellschaftsspiele, eine Turnhalle, Restauration und Versammlungsräume geplant.“

Einen genauen Ort für das Projekt gibt es noch nicht, das Prinzip ist aber klar. Junge Männer sollen ein temporäres Zuhause in der Großstadt bekommen, wo sie ihre Sorgen und Probleme loswerden können. Die Männer wollen einander „an Leib, Seele und Geist in christlichem Gemeinschaftsleben dienen. Sie stehen alle mitten im Leben, sind weder Abstinenzler noch Feinde des Nikotins“, schreibt meine Oma Thea, die überzeugte Kettenraucherin.

Auf die Frage, ob Rauchen im CVJM verboten sei, antwortet der Vereinsvorsitzende: „Wer sich eine Zigarette anzündet, dem reichen wir einen Aschenbecher, damit er es behaglich hat.“ Amen und Halleluja, das nenne ich doch mal einen sittenreinen Lebenswandel.

Diese Kolumne ist gedruckt in der Tagesspiegel-Samstagsbeilage Mehr Berlin erschienen. Alle Folgen finden Sie unter diesem Link.

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