In OMAS ZEITung (41) : Der erste Satz

Dorothea Spannagel war Lokalreporterin im Berlin der 50er Jahre. Ihr Enkel Lars entdeckt ihre Texte neu. Diesmal: Omas Debüt in der "Neuen Zeitung".

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Seinen ersten Text vergisst man nie. Irgendwann hat jeder Journalist mal angefangen, kam zurück von der Sitzung eines Kaninchenzüchtervereins, saß vor einem weißen Blatt Papier oder einem leeren Textkasten auf dem Bildschirm. War nervös und unsicher, fragte sich: Wie soll ich anfangen? Werde ich bis zum Andruck der Zeitung fertig? Und, am allerwichtigsten: Kann ich das überhaupt?

Auch meiner Oma Thea wird all das durch den Kopf gehen, als sie am 29. Januar 1950 ihren allerersten Artikel für die „Neue Zeitung“ verfasst. Bislang hat sie als Sekretärin für die Berlin-Redaktion gearbeitet, jetzt darf sie sich als Reporterin versuchen, ein Aufstieg. Der Druck ist also groß. Als erste Aufgabe bekommt sie eine kleine Reportage aus einem Geschäft am Kurfürstendamm zugewiesen. „Einen Möbelbaukasten für Erwachsene nennt der Architekt Friedrich Koslowsky seine neue Schöpfung der Kosraum-Möbel“, lautet der erste Satz ihrer journalistischen Karriere.

Ihr allererster Artikel handelt von neuartigen Baukasten-Möbeln

Man merkt dem Artikel nicht an, dass es der erste Text meiner Großmutter ist. Für eine Anfängerin schreibt sie relativ angstfrei über die nicht gerade sensationelle Wohnungseinrichtung aus dem Baukasten, die in dem Laden angeboten wird. „Es wird nicht auf Raten, sondern in Raten verkauft“, berichtet sie. „Das heißt, man baut seine Wohnungseinrichtung ganz nach seinem Geldbeutel nach und nach zusammen.“ Aus zehn Grundteilen, die mit Schrauben, Klammern und Holzdübeln verbunden werden, ergeben sich bis zu 500 Variationsmöglichkeiten. Als Anfang bietet sich beispielsweise ein kleiner Schrank mit Holztür für 36,95 DM an. Nach und nach kann man dann aufstocken und anbauen. „Vom Geburtstagsbesuch erbittet man vielleicht statt der Blumen einen Fußteil, der 5 DM kostet, und erhöht damit seinen Schrank.“ Einen „einfachen Sitzhocker mit Schlaraffiapolster für 59 DM“ kann man durch einhängbare Lehnen in einen Sessel verwandeln, zwei Sessel ergeben ein Kinderbett, drei Sessel ein Bett für Erwachsene.

Nach dem Laden am Kurfürstendamm plant Architekt Koslowsky Filialen in Friedenau, Steglitz und Tempelhof, dem Siegeszug der Kosraum-Möbel steht eigentlich nichts mehr im Wege. „Mit diesen neuartigen Möbeln ist jede Hausfrau in der Lage, ihre Wohnung innerhalb kurzer Zeit so umzubauen, dass der von der Arbeit zurückkehrende Gatte sein Heim nicht wiedererkennt“, lobt meine Oma. Ich finde, das ist ein würdiger Satz für ein Debüt als Reporterin.

Mein erster Artikel handelte übrigens von einer Pizzeria in Falkensee, die zu Zwecken der Eigenwerbung den Versuch unternahm, die längste Nudel des Havellands herzustellen. Der Text erschien unter dem Titel „Mit der Nudel zum Rekord“ am 4. Februar 2004 in der Lokalausgabe Falkensee der „Märkischen Allgemeinen Zeitung“. Ich hüte ihn wie einen Schatz.

Diese Kolumne ist gedruckt in der Tagesspiegel-Samstagsbeilage Mehr Berlin erschienen. Alle Folgen finden Sie unter diesem Link.

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