In OMAS ZEITung (42) : Grippewelle

Dorothea Spannagel war Lokalreporterin im Berlin der 50er Jahre. Ihr Enkel Lars entdeckt ihre Texte neu. Diesmal: eine ganz normale Epidemie.

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Foto: Tsp

Am 12. März 1952 hat meine Oma Thea eine richtige Schocker-Nachricht zu vermelden. „Es ist angeordnet worden, dass alle Schulen desinfiziert werden“, schreibt sie in der „Neuen Zeitung“. Moment mal: Alle Schulen? Wirklich? Desinfiziert? Womit? Leider gibt der kurze Artikel darüber keine Auskunft. Worum es aber grundsätzlich geht, verrät die nüchterne Überschrift: „Alle Grundschulen wegen Grippe geschlossen.“ Auch die 7., 8. und 9. Klassen der Oberschulen seien betroffen, der Unterricht solle erst nach den Osterferien wieder beginnen. Etwa 25.000 Schulkinder seien an der Grippe erkrankt, die meisten jünger als 15 Jahre.

Meine Oma schreibt das alles sehr sachlich auf – dabei muss die Nachricht tausende Berliner Eltern in Panik versetzt haben. Wer soll auf all die Kinder aufpassen? Auch mein Vater und meine Tante gingen 1952 schon zur 12. Lichtenrader Grundschule, in die 1. und 4. Klasse. Meine Oma hatte das Glück, dass ihre Mutter – meine Uroma – bei ihr im Haus wohnte und die Geschwister betreuen konnte. Trotzdem muss die Schließung der Schulen das Leben meiner verwitweten und berufstätigen Großmutter wochenlang auf den Kopf gestellt haben. Von Sorge oder Aufruhr ist in dem Artikel aber keine Spur, es wird lediglich die Frage aufgeworfen, wie denn die demnächst fälligen Oster-Zensuren zustande kommen sollen, wenn der Unterricht so lange ausfällt. Ansonsten ist alles unter Kontrolle: „Nur drei Todesfälle sind inzwischen eingetreten, und die echte Virus-Grippe konnte nur in wenigen Fällen nachgewiesen werden.“ Heute würde sich kein Journalist trauen, von „nur“ drei Todesfällen zu schreiben. Und die Nachricht von der Schließung aller Schulen der Stadt wäre der Aufmacher der ganzen Zeitung – und keine 60-Zeilen-Meldung im Lokalteil.

Alle Schulen geschlossen, drei Tote - 1952 war das nur eine kleine Meldung wert

Die heute naheliegenden Fragen bleiben unbeantwortet – weil sie sich 1952 womöglich niemand gestellt hat. Was kostet das alles? Wer soll die Aktion bezahlen? Womöglich ist das Desinfektionsmittel gesundheitsschädlich oder nicht biologisch abbaubar? Immerhin ist Platz für den Hinweis, dass es im anderen Teil der Stadt dieselben Probleme gibt: „Auch im Sowjetsektor hat die Grippe-Epidemie zu einigen Schulschließungen Veranlassung gegeben.“ Viren kümmern sich eben nicht um Sektorengrenzen.

Gut einen Monat später taucht das Thema wieder in der „Neuen Zeitung“ auf. „Erster Tag der 15.000 ABC-Schützen. Das Ende der Grippe- und Osterferien“ lautet die Überschrift am 17. April. Von Viren, Desinfektions-Aktionen, wochenlangem Unterrichtsausfall und etwaigen Nervenzusammenbrüchen im Elternhaus ist keine Rede. Alles geht seinen geregelten Gang. „Am Montag können alle Schüler ihre Essgefäße mitbringen, da an diesem Tag die Schulspeisung in der üblichen Weise wieder einsetzt“, schreibt meine Oma. Eine weitere Berlin-Krise ist überwunden.

Diese Kolumne ist gedruckt in der Tagesspiegel-Samstagsbeilage Mehr Berlin erschienen. Alle Folgen finden Sie unter diesem Link.

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