In OMAS ZEITung (46) : Dienstreise

Dorothea Spannagel war Lokalreporterin im Berlin der 50er Jahre. Ihr Enkel Lars entdeckt ihre Texte neu. Diesmal: Oma Thea fährt nach Österreich.

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Foto: Repro: Tsp

Reiselustig war meine Oma Thea schon immer, zur Rente hat sie sich dann richtig was gegönnt. 1977 begab sie sich auf einen Trip rund um die Welt: Berlin, London, Singapur, Bali, Australien, Osterinsel, Chile, Brasilien, Madrid, Berlin – keine schlechte Route. Während ihres Arbeitslebens hatte sie weniger Chancen, die Welt zu erkunden. Während ihrer Arbeit als Reporterin der „Neuen Zeitung“ hat sie nur ein einziger Artikel über die Stadtgrenzen West-Berlins hinausgeführt. Im Mai 1952 darf sie an einer zehntägigen Pressereise nach Kärnten teilnehmen. „Inmitten der Bergwelt war Berlin und das vier Wochen lange Warten auf den Reisepass schnell vergessen“, schreibt sie hinterher in ihrem Artikel. „Hier dachte keiner mehr an die sowjetische Kofferguckerei am Grenzbaum Juchhöh-Töpen.“

Kaffee und Zigaretten sind billig

Statt Koffergucken ist also Landschaftgucken angesagt. Als leidenschaftliche Raucherin ist Österreich aber auch sonst interessant für meine Oma. „Für Raucher und Kaffeeschwestern ist es nach wie vor ein wahres Eden“, schreibt sie begeistert. „Zwanzig gute Zigaretten erhält man für sieben Schillinge in jedem Tabaktrafik und für 60 Schillinge ein Pfund Kaffee der allerbesten Sorte.“ Die Kosten für Transport und Übernachtung übernimmt der Reiseveranstalter, es geht fast schon luxuriös zu. Im „Hotel zur Post“ in Millstatt hat sogar „jedes Zimmer eine Brausekabine“, schwärmt meine Großmutter.

So lässt es sich gut leben auf der Dienstreise, zumal die West-Berliner Delegation im Nachbarland offenbar überall mit Pomp empfangen wird. „Die Menschen im Liesertal sind aufgeschlossen und durch RIAS-Sendungen, die dort gern gehört werden und gut ankommen, sogar über die Sorgen der Berliner orientiert“, heißt es im Reisebericht. In Gmünd „ist die Stadtkapelle und die gesamte Einwohnerschaft“ als Begrüßungskomitee angetreten, in Völkermarkt „empfängt uns die gesamte Schule mit Gesang auf dem Hauptplatz“.

„Gurk und sein berühmter Dom bleiben dem nächsten Besuch vorbehalten“

Zehn Tage sind wenig Zeit für das südliche Österreich, die Reise wird folglich „im D-Zug-Tempo“ durchgezogen. Eine Attraktion jagt die nächste: In Velden lockt das Spielkasino, in Mariawörth die Propstei. Auf der Höllenburg in der Nähe von Klagenfurt muss man unbedingt den Wein „Flohhaxn aus der Wachau“ probieren, Millstatt kann „mit Stolz den höchsten (16 Meter) Beton-Sprungturm Mitteleuropas vorweisen“. Bei so vielen Stationen bleibt es unvermeidlich, dass manche Highlights ausgelassen werden müssen. „Gurk und sein berühmter Dom bleiben dem nächsten Besuch vorbehalten“, schreibt meine Oma mit Bedauern.

Soweit ich weiß, hat es keinen nächsten Besuch gegeben, meine Oma ist kein zweites Mal nach Kärnten gereist. Sollte es aber auf der Osterinsel Sprungtürme und Propsteien gegeben haben, wird sie ihnen bestimmt einen Besuch abgestattet haben.

Diese Kolumne ist gedruckt in der Tagesspiegel-Samstagsbeilage Mehr Berlin erschienen. Alle Folgen finden Sie unter diesem Link.

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