In OMAS ZEITung (47) : Hungerhilfe

Dorothea Spannagel war Lokalreporterin im Berlin der 50er Jahre. Ihr Enkel Lars entdeckt ihre Texte neu. Diesmal: Oma Thea berichtet über Lebensmittelhilfe für den Osten.

von
Foto: Repro: Tsp

Es gibt Orangen und Zitronen, Milch und Kartoffeln – und die Leute stehen schon seit dem Morgengrauen auf dem Oranienplatz Schlange. „Wer die Menschenmengen gestern in der heißen Sonne still und beharrlich warten sah, der braucht nicht mehr zu fragen, wie es um die Ernährungslage im Osten bestellt ist“, schreibt meine Oma Thea im Juli 1953 in der „Neuen Zeitung“. Innerhalb weniger Tage erscheinen drei Artikel von ihr, das Thema ist immer dasselbe: Der Osten hungert, der Westen füttert.

Acht Sunden Wartezeit für zwei Pfund Schmalz

Meine Oma berichtet von einer „wahren Völkerwanderung“ in Richtung West-Berlin. „Ostzonenbewohner“ haben sich aus Leipzig, Rostock, Magdeburg und sogar von Rügen auf den Weg gemacht. „Zahlreiche Thüringer und Sachsen kamen schon am Sonntagabend nach Berlin und warteten, auf ihren Koffern sitzend, am Rathaus Schöneberg geduldig auf den Beginn der Lebensmittelausgabe“, heißt es in einem der Artikel. Der Andrang ist so groß, dass auch nach Wartezeiten von bis zu acht Stunden nicht jeder an die Spendenpakete des Deutschen Roten Kreuzes und aus Mitteln der Bundes- und Senatshilfe kommt. Für die Ostdeutschen, die es am Abend nicht mehr in ihre Heimat zurückschaffen, werden spontan 4000 Schlafplätze in Heimen und Turnhallen eingerichtet.

Foto: Repro: Tsp

Meine Oma berichtet, dass sich die Reise nach Berlin trotz der Fahrtkosten lohnt. „Für ein Pfund Schmalz müssen wir 9,50 Ostmark bezahlen, wenn es mal welches gibt“, zitiert sie eine Frau in der Warteschlange. „Mit den zwei Pfund für eine Person“, die sie hier im Westen bekommen, „ist das Fahrgeld schon raus.“ In den ersten zwei Tagen der Lebensmittelaktion werden mehr als eine Viertelmillion Pakete verteilt, die Helfer müssen improvisieren. Wo das Mehl ausgeht, werden eben „400-Gramm-Dosen hochwertiger Wurstwaren“ verteilt. In Kreuzberg kümmert sich Bezirksbürgermeister Willy Kressmann, umtriebig wie immer, persönlich um Nachschub.

Kreuzberg hilft den Ost-Berliner Nachbarn

Auf dem Oranienplatz geht es in erster Linie um Nachbarschaftshilfe: Eigentlich ist die Verteilung von Obst und Milch nur für Bewohner der zwölf an Kreuzberg grenzenden Ost-Berliner Straßen vorgesehen, die Leute strömen aber auch von weiter her. Kressmann badet in der Menge, schüttelt Hände, beantwortet Fragen und hilft „zur Freude der Fotografen und umstehenden Einkäuferinnen auch noch beim Einwiegen der Kirschen“. Im Ostsektor, so wird berichtet, habe es höchstens ganz vereinzelt Kirschen gegeben, zu überhöhten Preisen und zur Hälfte verfault.

Meine Großmutter schreibt, dass an der Bösebrücke zwischen Wedding und Prenzlauer Berg „Grenzpolizisten der kasernierten Volkspolizei“ die Rückkehrer in den Ostteil kontrollieren und viele gespendete Lebensmittel beschlagnahmen. 36 Jahre später wird hier der erste Grenzübergang geöffnet. Endlich gibt es Südfrüchte für alle.

Diese Kolumne ist gedruckt in der Tagesspiegel-Samstagsbeilage Mehr Berlin erschienen. Alle Folgen finden Sie unter diesem Link.

» Mehr lesen? Jetzt kostenfrei E-Paper testen!

Autor

0 Kommentare

Neuester Kommentar