In OMAS ZEITung (50) : Letzte Ausgabe

Dorothea Spannagel war Lokalreporterin im Berlin der 50er Jahre. Ihr Enkel Lars entdeckt ihre Texte neu. Die letzte Folge: Die Neue Zeitung wird eingestellt, Oma Thea muss sich einen neuen Job suchen.

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Am Sonntag, dem 30. Januar 1955, ist Schluss. Die „Neue Zeitung“ wird mit Nummer 25 im elften Jahrgang eingestellt. Auf der dritten Seite lobt US-Außenminister John Foster Dulles die Redaktion noch für ihre „ausgezeichnete Arbeit, die sie für das gegenseitige Verständnis und die Annäherung unserer beiden Völker“ geleistet hat. Auf der nächsten Seite sucht eine Eigenanzeige Käufer für „350 Tonnen Zeitungsdruckpapier aus Restbeständen der Neuen Zeitung“. Eine Ära geht zu Ende – auch für meine Oma Thea.

Die US-Außenpolitik wendet sich anderen Themen zu

Von der Sekretärin hat sie sich zur Reporterin hochgearbeitet. Sie hat den Wiederaufbau Berlins – eine Zeit des Hungers und der Hoffnung – journalistisch begleitet, 170 Artikel verfasst. In ihrem Dienstzeugnis schreibt der Chefredakteur: „Da die Neue Zeitung, bei der Frau Spannagel acht Jahre lang ideenreich und mit besonderem Fleiß mitgearbeitet hat, mit dem heutigen Tag ihr Erscheinen einstellen musste, endete an diesem Termin auch Frau Spannagels Tätigkeit.“

Die amerikanischen Herausgeber sehen die Aufgabe des Blattes als erfüllt an: Die Deutschen haben verstanden, was Demokratie, Pluralismus und Meinungsfreiheit bedeuten. Die US-Außenpolitik wendet sich anderen Themen zu. Auf der Lokalseite wird noch der 17. Berliner Verkehrstote des Jahres vermeldet, der 16-jährige Karl-Heinz Bartz aus Spandau ist an der Ecke Kantstraße/Leibnizstraße von einem Lkw überrollt worden. Eine Linie verkündet den „Schluss des redaktionellen Teils“, darunter eine Winterschlussverkauf-Anzeige. Ende, aus.

Oma Thea muss noch mal von vorne anfangen

Viele ihrer Kollegen machen Karriere bei anderen Zeitungen, auch meine Oma versucht, weiter als Journalistin zu arbeiten. Sie schreibt zwei Artikel für den Tagesspiegel, bewirbt sich erfolglos bei Fachzeitschriften und als Rundfunksprecherin. Auch der Versuch, Liebesromane für Groschenhefte zu verfassen, scheitert. Mit 37 Jahren – so alt, wie ich heute bin – muss sie noch mal von vorne anfangen. Als verwitwete West-Berlinerin, die Krieg und Blockade mit zwei kleinen Kindern überstanden hat, hat sie darin eine gewisse Übung. Meine Großmutter wird Hausbrandberaterin für die Ruhrkohle AG. Elf Jahre lang erklärt sie Hausfrauen, wie man mit Steinkohle effizient und sicher heizt. 1966 wird Oma Thea Chefsekretärin bei den Berliner Festspielen. Und bleibt es, bis sie 1978 in Rente geht und ich geboren werde.

Augen auf! Stift raus! Lachen nicht vergessen!

Es hat mir großen Spaß gemacht, ein Jahr lang an der Seite von „D.Sp.“ durch Berlin zu streifen. Und unsere Stadt, die tot war und von Menschen wie meiner Oma wieder zum Leben erweckt wurde, durch ihre Augen zu sehen. Bei vielen Artikeln kommt es mir so vor, als seien sie für mich persönlich geschrieben: Augen auf! Stift raus! Lachen nicht vergessen! Und nicht unterkriegen lassen!


Diese Kolumne ist in 50 Folgen gedruckt in der Tagesspiegel-Samstagsbeilage Mehr Berlin erschienen. Alle Folgen finden Sie unter diesem Link.

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