In OMAS ZEITung (8) : Die Riesenwippe

Dorothea Spannagel war Lokalreporterin im Berlin der 50er Jahre. Ihr Enkel Lars entdeckt ihre Texte neu. Diesmal: Im Kreuzberger Viktoriapark wird der modernste Spielplatz Berlins eröffnet.

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Foto: Repro: TSP

Der Stammspielplatz meiner Tochter ist gerade renoviert und neu gestaltet worden. Es ist ein schöner Spielplatz, mit schicken Klettergerüsten und feinem, weißen Sand. Zur Neueröffnung sind aber weder Reporter noch Politiker gekommen, der Nachrichtenwert der Veranstaltung hielt sich wohl in Grenzen. Im Sommer 1951 war das anders. „Der modernste Kinderspielplatz Berlins, der auch die meisten Spielgeräte hat, wurde gestern im Viktoriapark am Kreuzberg von Bürgermeister Willy Kressmann der Jugend übergeben“, berichtet meine Oma Thea am 18. Juli für die „Neue Zeitung“.

Es gibt diesen Spielplatz heute noch, spektakulär ist er, ehrlich gesagt, nicht gerade. Bei seiner Eröffnung aber war er eine große Attraktion. „Drei Recks, ein Klettergerät, ein Exzenter-Karussell für 24 Kinder, zehn Schaukeln, acht Wippen und zwei Rutschbahnen bieten eine Fülle von Unterhaltungsmöglichkeiten“, schreibt meine Oma. Kreuzbergs Bürgermeister Kressmann, um einen launigen Auftritt für die Presse nie verlegen, hat sich die höchstpersönliche Eröffnung nicht nehmen lassen. „Nachdem der Bürgermeister über die zahlreich erschienenen Kinder einen Bonbonregen ausgeschüttet hatte, bestieg er als erster eine der acht Riesenwippen“, heißt es in dem Artikel. Auf dem Bild zum Text posiert Kressmann breit grinsend auf einer Rutsche, für die Fotografen hat er sich ein kleines Mädchen auf den Schoß gesetzt.

Foto: REPRO: TSP

Das Geld für die Spielgeräte stammt wieder einmal von den Amerikanern, zwei weitere Spielplätze im Urbanpark und am Lausitzer Platz werden ebenfalls im Sommer 1951 freigegeben. Andere Orte zum gefahrlosen Toben gibt es damals kaum, auf Abenteuersuche spielen viele Kinder in den Ruinen kriegszerstörter Häuser. Das sollen die neuen Spielplätze ändern. Und damit die neuen Rutschen und Schaukeln, die laut meiner Oma „in gleicher Zahl für Jungen und Mädchen vorhanden“ sind, nicht kaputtgehen, werden die Spielplätze nachts abgeschlossen und tagsüber von Wärtern überwacht. „Der Wärter im Viktoriapark ist eine gutmütige Seele. Alle Kinder nennen ihn ‚Onkel‘“, schreibt meine Oma. Der Mann sei auch dafür da, Streit zwischen den Kindern zu schlichten. „Und der Stock, den er in der Hand hat, soll nur den Respekt erhöhen.“

Ein lieber Onkel mit Stock in der Hand würde heute wahrscheinlich eher nicht zum Sicherheitsgefühl der meisten Berliner Eltern beitragen. 1951 aber sind Eltern wie Kinder begeistert. Meine Oma schreibt sogar noch ein zweites Mal über den Spielplatz im Viktoriapark, drei Monate nach der Eröffnung. Da ist er bereits so beliebt, dass Familien von weit her zum Kreuzberg pilgern, auch wenn der Spielplatz mit 350 Kindern überfüllt ist und man an der Rutsche lange anstehen muss. Aber bei Einbruch der Dunkelheit ist jeden Tag Schluss, dann hängt der Onkel die Schaukel und Reckstangen ab, nimmt seinen Stock und geht nach Hause.

Diese Kolumne ist gedruckt in der Tagesspiegel-Samstagsbeilage Mehr Berlin erschienen. Alle Folgen finden Sie unter diesem Link.

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