Berlin : In Ordenstracht in den Zeugenstand

Nichts geahnt, ans Gute geglaubt: Im Betrugsprozess um die Christkönigschwestern sagte eine Nonne aus

Claudia Keller

Eine Nonne sieht man selten im Landgericht Moabit. „Das ist schlimm, dass wir wegen so etwas in der Öffentlichkeit stehen“, sagt Schwester Christophora. Dabei haben sie und ihre Mitschwestern nur getan, was sie immer tun: Sie haben Fremden vertraut und an das Gute geglaubt. Die kleine, zierliche Frau vom Orden der Christkönigschwestern in Lankwitz wurde gestern als Zeugin im Prozess gegen Martin S. und Hermann K. gehört. Denen wirft die Staatsanwaltschaft vor, die Nonnen betrogen und um ihr Vermögen in Höhe von mehreren Millionen Euro geprellt zu haben. Unter Vorspiegelung falscher Tatsachen sollen sie die Dominicushaus-GmbH, die ihnen die Nonnen anvertraut hatten, wirtschaftlich ausgehöhlt haben, indem sie das Vermögen auf sich und ihre Firmen übertrugen.

„Am Anfang ist Martin S. jede Woche ins Kloster gekommen“, sagt Schwester Christophora, „wir haben ihm unser schönstes Zimmer gegeben“. Die Nonne trägt ihre schwarze Ordenstracht und sitzt aufrecht ganz vorne im Gerichtssaal, direkt vor den Richtern. Sie ist 70 Jahre alt, aber sie wirkt so unbedarft und jung, wie man wohl nur hinter Klostermauern bleiben kann. Der Richter, der die Verhandlung führt, fragt sie in einem freundlichen, vorsichtigen Tonfall, so als wolle er sich mit jeder Silbe dafür entschuldigen, dass man die Frau überhaupt als Zeugin geladen habe: „Haben Sie versucht, sich eine Vorstellung davon zu machen, was die Herren S. und K. mit ihrem Geld planen?“ Schwester Christophora antwortet ruhig und geduldig, dass sie ihnen vertraut hätten. „Herr S. hat immer wieder beteuert, dass das alles gut für uns ist.“

Sicher, die gigantische Computeranlage, die der gelernte Altenpfleger im Kloster installierte, sei ihnen „unheimlich“ gewesen, aber sie hätten geglaubt, „dass so etwas heute nötig ist“. Martin S. hatte vor zwei Wochen ausgesagt, dass die Computer installiert worden seien, damit die Nonnen Einblick in die Geschäfte nehmen konnten. „Ich hätte wahrscheinlich in alles hineinschauen können“, sagt Christophora, „aber das hat mich völlig überfordert.“ Dann erwähnt der Richter die Worte „Internet-Portal“ und „E-Learning“, und es scheint, als würden sie an diesem Morgen wie von einem fernen Stern auf die Nonne fallen. Sie wisse nicht, was das bedeute. Sie sei doch in solchen Dingen nicht geschult.

Dass der Angeklagte für seine Dienste Tagessätze in Höhe von bis 2100 Euro abgerechnet hat, habe sie nicht gewusst. Es sei ihr klar, dass man nichts umsonst bekommt, aber sie sei davon ausgegangen, „dass sich das im christlichen Rahmen bewegt“. Als sich der Richter freundlich über die Brüstung beugt und ihr einen von ihr unterzeichneten Vertrag über die Tagessätze vorlegt, wird Christophora verlegen: „Ich kann mich daran nicht erinnern. Aber Sie haben Recht, das ist meine Unterschrift.“ Ob sie Verträge blind unterzeichnet habe, fragt der Richter. „So war es.“

Dann seien sie aber doch stutzig geworden, sagt die Nonne. Martin S. kam immer seltener und wenn sie Fragen stellten, hätten sie keine Antworten bekommen. „Da war die Besprechungszeit schnell zu Ende, wenn wir etwas wissen wollten, und Herr S. hat über Kopfschmerzen geklagt.“ Zum Bruch sei es gekommen, weil das Erzbistum mit Martin S. nicht einverstanden war, da gegen ihn in Freiburg ermittelt wurde. „Die Bindung an die Kirche war uns wichtiger als die zu Herrn S.“, sagt Schwester Christophora. Gott sei Dank – „wer weiß, wo wir sonst heute wären“. Der Prozess wird kommende Woche fortgesetzt.

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