Berlin : In Pankow bauen sie schon am Stadtschloss

In einer Bildhauer-Werkstatt entstehen Gesimse, Figuren und Kapitelle, die das Humboldt-Forum schmücken sollen

Christian van Lessen

Sie zählt zu den kürzesten Straßen Berlins und liegt in einer versteckten Ecke Pankows. Doch in der Pichelswerderstraße wird das ehrgeizigste Bauprojekt Berlins vorbereitet. In seinem Hinterhofatelier, umgeben von Palmen und bei klassischer Musik, arbeitet Matthias Körner am Wiederaufbau des Stadtschlosses. Hier, nicht weit von der Wollankstraße, liegt das künstlerische Zentrum, hier wird die Schlossfassade in Einzelteilen aus Ton und Gips modelliert, um später in Stein gehauen zu werden.

Ein großes Stuckmodell beherrscht den Raum. Bildhauer Körner hat ein Jahr daran gearbeitet: die Nachbildung eines der größten barocken Kapitelle, eines der Portal-Schmuckstücke des Schlosses. Für den 52-Jährigen Schwerstarbeit mit Kalk und Gips, Ergebnis akribischer Nachforschung, verbunden mit Freude, Geduld, Durchhaltevermögen. Nun ist, was er geschaffen hat, Vorlage für den Steinmetz.

Chef-Bildhauer Körner modelliert Fassadenteile, die später das Schloss schmücken sollen. Tausende Ornamente, Figuren hat er mit Kollegen schon gefertigt, Nachbildungen von Objekten der Schlossbauer Andreas Schlüter, Johann Friedrich Eosander von Göthe und Martin Böhme. Vorlagen waren alte Fotos und Baupläne aus Restaurierungsphasen, die Architekten Rupert und York Stuhlemmer und ihre Mitarbeiter recherchierten, um ein möglichst detailgetreues Bild zu schaffen. Originale Baupläne sind nicht vorhanden.

Von der Armatur des Portals I, mit den Löwen, dem Helm, dem gefallenden Krieger, hatte er nur ein einziges Originalstück. Körner hat es mit kreativem Spürsinn ergänzt. Das Modell wird zur Zeit in Potsdam von einem Steinmetz gearbeitet, für die Fassadenteile stehen drei Sandstein-Sorten aus Sachsen zur Verfügung.

„Wir wollen kein idealtypisches Schloss bauen, es nicht quälend durchstrukturieren“, sagt Körner. Fast 50 Adler schmückten die alte Fassade, kein Vogel wird künftig dem anderen gleichen. Man hätte es sich einfacher machen können. „Aber die Baugeschichte soll ablesbar sein.“ Der gebürtige Plauener, in Dresden aufgewachsen, hat drei Jahrzehnte Erfahrungen im preußischen Barock gesammelt, er modellierte zu Ost-Berliner Zeiten in einer Werkstatt in Weißensee, „die hatte ein Eigenleben wie in einer anderen Welt.“ Die Bildhauer arbeiteten an den Fassaden der Staatsoper und des Zeughauses, am Schauspielhaus, am Deutschen und Französischen Dom. Sie restaurierten in Sanssouci oder in Schloss Rheinsberg. Und nun bauen sie das Schloss. „Ich berate den Förderverein in bildhauerischen Fragen“, sagt Körner bescheiden.

Geschäftsführer Wilhelm von Boddien schaut immer wieder an der Pichelswerderstraße vorbei, um die Fassade wachsen zu sehen und sich vorzustellen, wie viel Geld er dafür noch sammeln muss. Es ist sehr viel zu tun, der Arbeitsaufwand wächst, erreicht neue Dimensionen. Eine Werkstatt mit 20 Steinbildhauern wird aufgebaut, bundesweit müssten 40 bis 50 Bildhauer dazu kommen, gerade hat sich ein Holzbildhauer aus Oberammergau gemeldet. Mit den richtigen Leuten steht und fällt das Projekt, sagt Körner. Wer Hochkultur wie die Neuauflage der alten Fassade verlange, müsse was dafür tun.

Gesimse, Kapitelle, Baluster, Skulpturen sind in Arbeit. Eine rund 500 Meter lange Fassadenfront ist herzustellen. Vielleicht, sagt von Boddien, ist das Werk noch gar nicht fertig, wenn der Neubau dahinter schon steht. Aber die Fassade werde ohnehin nicht sklavisch exakt kopiert, man könne provisorische Zwischenlösungen finden, „rein theoretisch auch was draufmalen“. Der Förderverein Berliner Schloss werde sich Entscheidungen und Aufträge für die Fassade nicht aus der Hand nehmen lassen. „Ich hafte für die Qualität des Steins.“ 80 Millionen Euro will der Verein aus Spendenmitteln für die historische Außenhaut sammeln, das wurde vor drei Jahren kalkuliert, und dabei soll es trotz Kostensteigerungen bleiben. Drei Millionen hat der Verein schon in Modelle investiert, 14 Millionen sind gesammelt, davon acht als Zusagen. Rund 10 000 Spender haben symbolische Bausteine gekauft, auf 200 000 hofft Geschäftsführer von Boddien.

Gerade werden zehn Fensterachsen ausgeschrieben, auch ein komplettes Portal, die Preise sollen lange gelten, der Verein will nicht über den Tisch gezogen werden. Auch nicht Geld in den Sand setzen, wie auf einem großen Brachgelände in Heinersdorf. Dort, wo einst der VEB Tiefbau saß, wurde ohne viel Erfolg nach Schlossresten gegraben. Auch der Volkspark Friedrichshain gibt nichts her, obwohl Treppen und Stützmauern an den Wegen vermutlich aus Resten des 1950 gesprengten Schlosses gebaut wurden. Dessen Trümmer liegen auch im Schuttberg Friedrichsfelde oder einer aufgeschütteten Kiesgrube am Müggelsee.

Gut 75 Prozent aller Fassadenskulpuren sollen noch im Original vorliegen, gelagert in Museen. Eine Portalfigur wurde von einem Privatmann erworben. Sie steht in Körners Atelier, er hat ihr die kaputte Nase repariert. Ob sich die Figur später wieder eingliedern lässt, ist fraglich. Die Kopien werden, das haben Erfahrungen an der Zeughaus-Fassade gezeigt, widerstandsfähiger sein. Originalteile wirken in Nachbildungen oft wie Fremdkörper, zerbröseln. Das wäre kein guter Start für das Schloss.

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