Berlin : In Sonys Puzzle-Stube entsteht die alte Pracht

Lothar Heinke

Bald wieder komplett: Aus hunderten Stuck-Teilen werden jetzt die Säle des einstigen Grand-Hotels zusammengesetztLothar Heinke

Vier Männer knien in einem von hohen Glaswänden umgebenen Raum auf dem Boden, um eine Zeichnung zu lesen. Sie blicken auf ein Papier mit verschnörkelten Formen und feinen Linien, die sich zu harmonischen Mustern vereinen. Wie eine Tapete. Einzelne Teile des Musters sind mit roten Kreuzen und dunklen Punkten markiert. "Stuck-Translozierung" steht am Rande des Bogens. Neben dieser bauzeichnerischen Anleitung zum restauratorischen Handeln liegt eines jener vier Zentner schweren Teile, um die es in diesem Moment geht: Wo kommt das hin? Was passt dazu? Der Tagesspiegel durfte das große Puzzle der Wieder-Instandsetzung des Frühstückssaales vom einstigen Grand-Hotel "Esplanade" bei Sony am Potsdamer Platz beobachten.

Das Ganze ist die Geschichte einer wundersamen Verwandlung. Der mit Neorokoko-Stuckierungen verzierte, sehr spielerisch wirkende "Frühstückssaal" musste - wie der neobarocke "Kaisersaal" - vor dem Erdaushub für das Sony-Center vor vier Jahren in einer spektakulären Aktion verschoben werden. Der Frühstückssaal wurde in 500 Einzelteile zerlegt und ins thüringische Gotha gebracht. Dort entdeckten die Restauratoren nahezu 15 Farbschichten - und die ursprüngliche, also die erste Farbe von 1908: cremeweiß. So wird der Saal wieder strahlen, wenn er denn mit Palmen-, Silber- und Kaisersaal als Zeuge einstigen Glanzes Ende des Jahres als I-Tüpfelchen des kompletten Sony-Centers wiedereröffnet wird.

Bei der Wiedergeburt des Frühstückssaales verbleiben zwei der stuckverzierten Wände an ihrem angestammten Platz: "Hinter einer Glasplatte geschützt werden ehemalige Innenwände zu Außenwänden, die an die zerstörte Situation in der Nachkriegszeit erinnern und die steinernen Schichten der Vergangenheit bis in die Innenraumgestaltung des Neubaues hineintragen", sagt Sony-Sprecherin Karin Püttmann, "Decke, Fußboden und die beiden anderen Wände des Frühstückssaales wandern an die andere Seite des Esplanade und werden gerade wieder aufgebaut". Der dann an zwei Seiten transparente Gastraum im Stil eines Caféhauses oder einer Champagner-Bar wird mit seinem Tresen und der kleinen Empore für Musiker zum attraktiven Blickfang, er ragt wie eine Vitrine ins Forum hinein.

Wo später die Leute stehen und staunen, weil sie unvermittelt in all dem modernen Glas-Ambiente durch meterhohe Glasscheiben auf barocke Wände und stuckverzierte Decken blicken, steht jetzt ein Container, mit dem die Puzzle-Teile der auseinander gesägten Decke auf Schaumstoff aus Gotha herbeigeschafft wurden. Baudenkmalpfleger der Fuldaer Firma Jean Kramer nehmen sich Stück für Stück vor und befestigen es an einer Gitterrost-Decke. Die schmalen Fugen zwischen den "Stuckschollen" bleiben sichtbar und erzählen vom Schicksal dieser einst mit der Stichsäge auseinander genommenen steinernen Historie. "Das Zusammensetzen der Teile mit ihren floralen Motiven, mit Ornamenten und mit den filigranen Lüftungsgittern, die es damals schon in diesem Luxus-Hotel gab, ist spannend und so etwas wie der krönende Abschluss unserer Arbeit seit vielen Jahren", sagt Manfred Reith vom Fuldaer Architekturbüro Reith + Wehner.

Stimmt die Justierung? Wurde alles genau vermessen, so dass zusammenpasst, was zusammengehört? Die größten Teile können in Metern gemessen werden, da ist der Einbau gewissermaßen übersichtlich. Aber wie werden die kleineren Teile von 20 mal 20 Zentimetern ins rechte Muster eingepasst? Und wo? Sonys Puzzle-Stube zwischen zwei historischen Stuck- und zwei modernen Wänden aus "punktgehaltener Verglasung" mit Scheiben bis zur Decke ist dem Bauherrn lieb und vor allem teuer: In den 1,5 Milliarden Mark, die der Japanische Elektronikkonzern in sein Center am Potsdamer Platz steckt, stecken 50 Millionen allein für die Verschiebung, Rekonstruktion und Wiedererweckung des Esplanade. Der Sony-Chef im fernen Tokio ist ein musischer Mensch und hat ein Faible für die deutsche Kultur. Zum Auftakt des "Grand Opening" des Sony-Centers dirigiert er am 14. Juni in der Philharmonie Beethovens "Neunte".

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