Berlin : In trockenen Tüten

Unsere Autorin hat in der Welt der Kinder recherchiert. Sie hat Erstaunliches herausgefunden: Die Jugend von Berlin-Wedding isst die Nudeln ungekocht

Sarah Khan

Stellen Sie sich vor: Sie stehen in einer Bäckerei und wollen Ihrem naschhaften Kind eine kleine Freude machen. Worüber freut es sich am meisten? Über ein Splitter-Brötchen? Über einen Blaubeermuffin? Über eine Packung asiatischer Yum-Yum-Instant-Nudeln? Wer meint, nur die erste oder zweite Variante käme überhaupt in Frage, liegt völlig falsch. Nur wer sich das Strahlen der Kleinen bei der Übergabe einer grünen, gelben oder pinkfarbenen Yum-Yum-Verpackung lebhaft vorstellen kann; wer jetzt das krümelnde Knabbern der trocken verspeisten, widerwärtigen Speise im Ohr hat, weiß, was Kinder wirklich wollen.

Ich selbst habe die Epidemie erst nach und nach bemerkt. In unserer Straße im Sprengel-Kiez in Berlin-Wedding gibt es eine Grundschule und einen Hort. Die türkischen Bäckereien in der Gegend haben sich voll auf die Bedürfnisse der Schutzbefohlenen eingestellt: Sie bieten supersüße Brötchen und klebrige Kuchen, Kaugummis, Schokoriegel, Ü-Eier und jedwede Limonaden an – neben großen Mengen Yum-Yum-Instant-Nudeln. Selbst die Schaufenster sind großzügig mit den bunten asiatischen Packungen dekoriert. Irgendwie merkwürdig, dachte ich oft bei mir und meinte, wieder mal einem leicht rätselhaften Beispiel orientalischer Ornamentik zu begegnen. Yum-Yum-Nudeln, dieser dreiteilige Nudelbausatz, ist das nicht das typische Junggesellenessen? Ja, so stellt man sich das vor: Der ledige Mann unserer Tage legt abends – und mindestens vier Mal wöchentlich – die Nudeln in seine Müslischale, gibt das rötliche Granulat darüber, fügt die schleimige Essenz dazu, gießt heißes Wasser drüber, fertig ist sein deprimierendes Abendessen. Nach wenigen Monaten tut er alles dafür, eine Lebensgefährtin zu finden und nie wieder Yum-Yum-Nudeln essen zu müssen. Hier im Wedding aber biedern sich die knallbunten Asia-Tütchen nicht den Junggesellen, sondern den Kindern an.

Da ich Mutter eines Kleinkindes bin und viel Zeit auf Spielplätzen verbringe, entdeckte ich auch dort immer öfter Yum-Yum-Verpackungen. Sie stecken im Sand und in den Abfalleimern, flattern in den Büschen und liegen auf den Wegen. Außerdem sehe ich dauernd Kinder, die mit einer Yum-Yum-Tüte in der Hand herum rennen, als wäre das eines dieser kindlichen Statussymbole wie früher die Zuckerpfeife, das Eimerchen voll giftgrünem Schleimi oder die Tüte Lakritzschnecken.

Ein Kioskbesitzer klärte mich schließlich auf: Das mit den Nudeln sei seit etwa zwei oder drei Jahren das ganz große Ding bei den Kindern. Er verkaufe bis zu 20 Stück am Tag. Jetzt, wo er es mir unmissverständlich gesagt hatte, öffneten sich meine Augen für das, was mein Verstand noch abwehrte: Die Kinder essen Yum-Yum-Nudeln kalt und trocken, wie man sonst getrocknete Kartoffeln, also Chips, isst. Ekelhaft, dachte ich.

Und warum nur? fragte ich mich – und bei nächster Gelegenheit auch das kleine Mädchen, das sich für 45 Cent eine Packung beim Bäcker kaufte. Vor der Tür verwickelte ich es unauffällig in ein Gespräch, während ich meinen Sohn auf den Fahrradsitz schnallte. Die Kleine sagte, sie heiße Tugce, und sie buchstabierte mir sogar ihren Namen. Sie sagte, im Hort sei ihr verboten, das rote Pulver über die Nudeln zu streuen, „weil am Pulver sind schon Kinder dran gestorben“. Sie esse Yum-Yum schon seit zwei Jahren. Die roten am liebsten. Als sie lächelte, sah ich, dass ihre Zähne in schlechtem Zustand waren. Sie hatte modische, schwarze Klamotten an, war schick frisiert, sie sah schon ziemlich cool aus für eine Grundschülerin. Dieses Mädchen war auf ihrem Schulhof bestimmt ein Opinion-Leader. Aber schlau wurde ich nicht aus ihr. Was ist der Kick dabei? Was reizt die Kinder an dieser Nahrung? Die Haptik, der Geruch, die Farben, das Verbotene, das Asiatische? Löst das im Gewürzpulver enthaltene Glutamat besondere Zustände aus? Wie high wird man von dem Zeug, wenn man es pur einnimmt und nicht mit Wasser streckt? Und wie kommt es, dass Kinder so etwas – völlig unabhängig von der Süßigkeiten-Industrie und ihren Kampagnen – erfinden? Hat es vielleicht etwas mit der Schlüsselkinderkultur zu tun, mit dem so genannten „Grasen“? Grasen bedeutet laut neuester Ernährungsforschung, dass Kinder hier mal und da mal, dafür aber ständig, Essen abgrasen, weil es zu Hause keine geregelten warmen Mahlzeiten mehr gibt. Klingt verdammt soziologisch, zum Heulen sowieso, und erklärt das Neue am Phänomen irgendwie gar nicht. Vielleicht ist es mehr ein Wedding-Phänomen und eines ähnlich strukturierter Stadtteile. Und vielleicht gibt es das Yum-Yum-Phänomen in den bürgerlichen Berliner Stadtteilen gar nicht! Fragen über Fragen. Ich brauchte einen richtig guten Informanten, um sie beantworten zu können.

Da fiel mir Philip ein, der Nachbarsjunge. Meine Schwiegermutter hat ihn im Verdacht, kürzlich das Wort „Sex“ mit Edding auf die Fensterbank unseres Treppenhauses gekritzelt zu haben. Ich glaube das eigentlich nicht, er grüßt mich immer sehr nett und hilft mir mit dem Kinderwagen. Als mein Sohn eines Abends eingeschlafen und mein Mann aushäusig war, ging ich mit Zettel, Stift und Babyphon bewaffnet in den oberen Stock und klingelte. Philip und seine Mutter machten mir auf. Ich stammelte etwas von Interview und Yum-Yum-Nudeln. Philips Mutter nickte wissend und bat mich, mit dem jungen Experten in sein Zimmer zu gehen.

Philips Zimmer ist wunderschön. Bunte Malereien an mintgrünen Wänden und Blumen auf einem Beistelltisch. Zwei Fitnessgeräte stehen am Fenster. Alles ist ordentlich und einladend. Ich setzte mich auf das Sofa, er nahm gegenüber Platz. Meine Güte, so adrett wie hier ist es bei uns seit der Geburt des Kindes nie mehr gewesen! Philip ist zwölf Jahre alt. Bei unserem Treffen war er etwas aufgeregt, denn Yum-Yum ist genau sein Thema. Er hatte ganz viel darüber zu sagen. Zunächst aber seine persönlichen Angaben: Er geht auf die Brüder-Grimm-Grundschule. Er ist in der sechsten Klasse, seine Lehrerin heißt Frau Widmeier-Rockstroh und der Schulleiter ist Herr Leeb. Ganz zu Beginn machte Philip mir erstmal klar, dass er Yum-Yum nicht mehr isst (nur eine Packung die Woche). Weil die Krebs erregend seien. „Nachher krieg ich Krebs und liege im Grab und bin tot. Oder ich liege im Krankenhaus und quäle mich.“ Bevor wir die Yum-Yum-Kritik weiter vertiefen konnten, wollte ich jedoch erstmal wissen, was die Kinder so toll daran finden.

„Die essen das, weil das schmeckt denen.“ Aha. „Weil die Nudeln scharf sind. Und scharf schmeckt jedem.“ Aber wie schmeckt das ganz genau? „So süß-sauer-scharf“, sagte Philip. „Davon macht man Gesichter.“ Dann mache er ein Gesicht wie drei saure Heringe. „Außerdem kriegt man Ritzen in der Zunge. Ich habe davon Ritzen in der Zunge gekriegt.“ Er zeigte mir die Zunge natürlich nicht, aber er litt. Dann erklärte er mir die moderne Yum-Yum-Methode, die auch für die anderen Fabrikate wie Kim-Chi, Tom-Yum, Sumo, Ma Ma Mien und wie-sie-alle-heißen gilt: 1. Die Packung bleibt zu, die Nudeln werden schön klein gedrückt. 2. Packung öffnen. 3. Pulver rein, Dosis nach Belieben (Philip empfiehlt, nur die Hälfte zu nehmen und die schleimige Essenz im anderen Tütchen schnell wegzuwerfen). 4. Gut schütteln und gründlich vermengen. 5. Guten Appetit! 6. Wenn ein Freund dabei ist, gibt man was ab.

Warum essen die Kinder keine Kartoffelchips? Philip sagte, normale Kartoffelchips seien nicht so scharf wie die Nudeln, und nicht so … er fand keinen richtigen Ausdruck, machte wieder ein Gesicht wie drei saure Heringe. Alles, was mehr Geschmack, also Geschmacksverstärker besitzt wie Pringles und Tortilla Chips, ist fürs Taschengeld zu teuer. Ich fragte Philip schließlich, ob Yum-Yum süchtig macht. Er nickte stumm. Er habe schon mal gekotzt davon, hier im Zimmer. Er zeigte auf den Teppichboden. Ich sah nichts, alles klinisch rein. „Wenn ich Kinder hätte, würde ich das verbieten“, sagte er. Dann imitierte er die flehenden Stimmen der Pädagogen im Hort nach: „Bitte lasst die Finger davon, esst die Nudeln nicht, davon bekommt Ihr Durchfall, wir bitten Euch.“ Ein echtes Darstellertalent. Er sagte, er habe mit acht damit angefangen, und nach vier Jahren aufgehört. Zunehmend hatte ich den Eindruck, über eine neue gefährliche Droge zu sprechen und einen desillusionierten, aber gefassten Ex-Junkie zu befragen. Was nimmst du jetzt, fragte ich. Pistazien, Ritter Sport Knusperkeks und Sonnenblumenkerne, sagte er. Nur noch ein bis zwei Packungen die Woche. Sein kleiner Bruder und sein bester Freund äße das noch, und da könne er leider nicht nein sagen. Okay, das ist menschlich. Ich versicherte ihm, dass er insgesamt einen sehr willensstarken Eindruck auf mich macht.

Ist Yum-Yum denn schon in ganz Berlin Mode? Er überlegte kurz. „In Rudow bei meiner Oma gibt’s das nicht. Aber in Wedding, Moabit und Tiergarten überall. Ich kann sicher sagen: In ganz Mitte essen das die Kinder!“

Wieder zurück in meiner Wohnung, schaute ich bei unseren Vorräten, ob wir das gefährliche Nudelzeug selbst im Hause haben. Klar, haben wir. Die Inhaltsangabe überraschte mich durch die Abstinenz von E-Buchstaben, ansonsten ist viel normaler Mist drin: Monosodium-Glutamat, Aromen, Gewürze, Zucker. Ich wundere mich, dass ich trotz all dem, was ich herausgefunden habe, so wenig beunruhigt bin. Die Kinder von Wedding zerstören sich offensichtlich mit Genuss ihre Geschmacksnerven, sie brennen sich Ritzen in ihre Zungen und vergiften ihre kleinen Körper mit einer Nahrung, die nie dafür gedacht war, trocken gegessen zu werden. Langfristige Schäden nicht auszuschließen.

Für die so genannte Zappelphilipp-Krankheit, klinisch ADS und ADHS genannt, sollen ja eventuell auch Glutamate auslösend sein. Ich glaube das sogar. Aber warum nur bin ich am Ende meiner Recherche viel weniger beunruhigt, viel mehr erstaunt? Hier meine Vermutung: Ich denke, das Leben der Kinder spielt auf einem geheimnisvollen, fremden Kontinent, der sich ständig verändert. Er ist gefährlich und aberwitzig, er ist brutal und schön. Besonders in Wedding, aber nicht nur dort, eigentlich überall. Vor über 20 Jahren habe ich diesen Erdteil verlassen, um fortan auf dem Erwachsenenkontinent zu leben, zu dessen Privilegien gehört, trockene Yum-Yum gar nicht erst angeboten zu bekommen. Ich habe gerade erst angefangen, wieder ein paar vorsichtige Schritte auf diesem Kinder-Kontinent zu wagen. Er hat sich stark verändert seither, und er ist trotzdem irgendwie immer noch derselbe. Ich bin furchtbar berührt davon. Als hätte ich eines frühen Morgens in Papua Neuguinea eine Orchidee sich öffnen sehen und Glück verspürt, obwohl ich das nahe Magengrummeln der Menschenfresser vernehme. Ach nein, da grummelt was ganz anderes. Der Schnuller ist aus dem Gitterbett gefallen.

Die Autorin, 1971 in Hamburg geboren, ist Schriftstellerin. Zuletzt erschien ihr Roman „Eine romantische Maßnahme“ bei Eichborn Berlin.

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