Berlin : In vielen Wohnungen steht nicht einmal ein Weihnachtsbaum

Oliver Jobs, Polizeioberkommissar, Abschnitt 46, Lankwitz.

Oliver Jobs, Polizeioberkommissar, Abschnitt 46, Lankwitz.
Oliver Jobs, Polizeioberkommissar, Abschnitt 46, Lankwitz.Foto: Tsp

Der Weihnachtsbaum kommt erst kurz vor Heiligabend ins Revier. Die Kollegen haben dafür zusammengelegt und die Kaffeekasse geplündert. Dennoch bleibt die Stimmung nüchtern. Wegen des Schichtdienstes sehen die Kollegen sich unregelmäßig, zur internen Weihnachtsfeier kamen nur 9 von 30 Kollegen.

Für die Polizei ist Weihnachten die Zeit der Streitigkeiten. Schon in den Tagen vorher ist die Stimmung bei vielen Berlinern gereizt. Rasch müssen noch Geschenke gekauft werden, dann findet sich kein Parkplatz, der Kunde im Kaufhaus wird zum Konkurrenten. Was mit einer Beleidigung anfängt, schaukelt sich manchmal so stark hoch, dass die Funkstreife geholt wird. Dann steht Oliver Jobs, 35, zwischen den Fronten und versucht, die Gemüter zu beruhigen.

Bei der Polizei gilt vom 20. Dezember bis zum 2. Januar die Weihnachtsamnestie. In dieser Zeit werden Haftbefehle wegen ausstehender Gebühren („unser Ordner ist dick“) nicht vollstreckt – es sei denn, der Betreffende läuft den Beamten zufällig über den Weg.

Geschenke an die Beamten sind problematisch, da nicht der Verdacht der Vorteilsannahme entstehen darf. Das gilt auch für selbst gebackene Plätzchen einer Zehlendorfer Dame.

Zu Weihnachten werden Jobs und seine Kollegen oft zu Familienstreitigkeiten gerufen. Das Essen stand nicht rechtzeitig auf dem Tisch, der Mann war schon betrunken und hat in seiner Wut zugeschlagen. Zuweilen ist es auch die Frau, die betrunken ist und randaliert, bis die Nachbarn die Polizei holen. Das sind typische Erscheinungen in sozial schwächeren Milieus, sagt Jobs. Nach Zehlendorf hin wird es bürgerlicher. Die Auseinandersetzungen bleiben verbal, werden aber mit juristischen Finten ausgefochten. Oft geht es um die Kinder, ums Sorgerecht. Man zeigt Verfügungen vor, Urkunden vom Gericht.

In diesem Jahr hat Oliver Jobs, selbst junger Vater, ein dreijähriges Kind gerettet, das gerade auf einen Balkon geklettert war; die Mutter saß bei Freunden und trank. Das fällt ihm oft auf: „Man kümmert sich nicht mehr. Vielen Leuten ist alles egal geworden.“ Auch das Gemeinschaftsgefühl lässt nach. Weihnachten feiert man nicht mehr mit der ganzen Familie, mit Oma und Opa, sondern allein. Er hat schon viele Wohnungen gesehen, in denen nicht einmal ein Weihnachtsbaum stand.

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