• In vorderster Reihe stehen Werke von Kleinverlagen, die anderswo fehlen - wo Zadek und Lagerfeld Literatur kaufen

Berlin : In vorderster Reihe stehen Werke von Kleinverlagen, die anderswo fehlen - wo Zadek und Lagerfeld Literatur kaufen

Ansgar Oswald

Eigentlich hat sich in den letzten fünfundzwanzig Jahren im Haus Knesebeckstraße 33 nichts verändert. Im Schaufenster präsentiert sich ein üppiges Sortiment englisch- und deutschsprachiger Belletristik und Sachliteratur. Über dem Eingang hängt ein gusseisernes Schild. Marga Schoeller Bücherstube steht darauf. Die goldenen Lettern sind verblasst. Im Innern hängt unauffällig zwischen den buchschwangeren Regalen das Foto von Marga Schoeller-Rodig, der Grande Dame des Berliner Buchhandels. Darunter ein Poster. "Lesen ist wie atmen", steht da.

Das breitgefächerte Spektrum belletristischer, kulturhistorischer, geistes- und sozialwissenschaftlicher Literatur und zudem eine Kinderbuchabteilung geben zum ungezwungenen Stöbern und Schmökern genug Gelegenheit. Und zugleich ist eine sechsköpfige fachkundige Beratung stets präsent. Eben diese Mischung sei es, was die Kunden schätzen, ist der Verlagsbuchhändler Thomas Rodig überzeugt. Bescheiden nennt man sich Bücherstube.

Der Laden ist nicht bloß kommerzielles Geschäft, sondern ein literarisches Wohnzimmer. Trotz des enormen ökonomischen Drucks, den die Marktkonzentration im Buchgeschäft und das Internet auf kleine Buchhandlungen ausüben, will der Sohn der 1978 verstorbenen Marga Schoeller-Rodig vom Rückzug in Sortimentnischen, der oft kleinen Buchläden empfohlen wird, nichts wissen: "Die Tradition der Bücherstube war es immer, ein breites Sortiment anzubieten", erklärt Thomas Rodig. Und so eindringlich wie der Sohn, dem wie seiner Mutter alles Prätentiöse fremd ist, das sagt, verkneift man sich jeden Widerspruch. "Überschaubar und zugleich vielfältig" soll das Angebot sein.

Die Nischen definiert man selbst. Sie lauten angloamerinkanische Abteilung, die seit langem von Shirley Wray, "einer ausgewiesenen Literaturkennerin" (Rodig) geleitet wird. Die Rubrizierung der Bücher folgt nicht vorgegebenen Bestsellerlisten, sondern hauseigenen Vorlieben.

In vorderster Reihe stehen da die Werke aus kleinen Verlagen wie Wagenbach, Transit oder Friedenauer Presse, die laut Thomas Rodig "in großen Häusern entweder gar nicht oder nur in zweiter Reihe zu finden sind". Das wird von den Kunden sichtlich goutiert.

Traditionell hat die Bücherstube nicht nur eine große, sondern vor allem auch eine prominente Stammkundschaft. Theaterregisseure wie Peter Zadek gehören dazu. Sternstunden sind es, wenn Modezar Karl Lagerfeld reinschaut, um sich mit Belletristik einzudecken. Eine andere Tradition ist die Zusammenarbeit mit der Jüdischen Gemeinde, deren Bibliothek und Volkshochschule man beliefert.

Besondere Aufmerksamkeit widmet die Bücherstube der jüdischen Erinnerungs- und Exilliteratur und neuerdings auch jungen jüdischen Autoren. Man pflegt das Alles trotz der "Schwierigkeiten". Die bereiten der kleinen Buchhandlung weniger die Hugendubels und Dussmanns als vielmehr die Internetangebote. Besonders die englischsprachige Abteilung, das Zertifikat des Hauses, ist durch die schnelleren und oftmals auch billigeren Bestellungen per Mausklick einer nervenzerreißenden Konkurrenz ausgesetzt.

Aber die Bücherstube ist seit siebzig Jahren ein skurriles wie gewagtes Unternehmen. Als die 24-jährige Marga Schoeller irgendwann im November 1929 am Kurfüstendamm 30 zwischen Fasanen- und Uhlandstraße in einer Portiersloge begann, Bücher feil zu bieten, war einen Monat zuvor die Weltwirtschaftskrise ausgebrochen. Das Geschäft mitten im Herzen des betuchten West-Judenviertels wurde schnell zu einer weit über Berlin hinaus bekannten Oase der Bücherschreiber und -leser.

"Die ganze Welt kam zu Schoeller", erinnert sich die langjährige rechte Hand des Hauses, Gisela Polzin. Ungeniert traf sich hier im Kalten Krieg das geistige Nachkriegsdeutschland aus West und Ost: Günter Grass, Ingeborg Bachmann, Hans Magnus Enzensberger und andere Vertreter der "Gruppe 47"; aus dem Osten Arnold Zweig, Bertolt Brecht, Stefan Hermlin. Von diesem Erbe zehrt man auch nach dem Umzug 1974 vom Kurfüstendamm in die Knesebeckstraße.

Nachdem 1988 schon Ursula von Krosigk aufgegeben hatte und im Frühjahr diesen Jahres die Buchhandlung "Camilla Speth" schloss, erinnert nur noch die "Bücherstube" an die Zeit der drei großen Literatur-Grazien. "Wir wollen der alten Zeit aber nicht nachtrauern - um Gottes Willen nicht", sinniert Thomas Rodig.

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