Berlin : „In zwei Jahren sind unsere Pflegeheime saniert“

Der neue Vivantes-Chef will mit dem „Forum für Senioren“ schwarze Zahlen schreiben und in die Kliniken des Konzerns investieren

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Seit über 100 Tagen ist Joachim Bovelet Chef des landeseigenen Klinikkonzerns Vivantes, der größten kommunalen Krankenhausgruppe Deutschlands. Am 1. Februar hatte der 50-jährige Jurist das Amt von Holger Strehlau-Schwoll übernommen, der nach nur knapp einem Jahr seinen Vertrag aus persönlichen Gründen vorzeitig gekündigt hatte. Bovelet hat zuvor 20 Jahre lang Erfahrungen im Klinikmanagement bei kirchlichen und privaten Trägern gesammelt. Ingo Bach sprach mit Bovelet über seine Konzernpläne, über marode Pflegeheime und darüber, warum Vivantes viel Geld in Psychiatrieplätze investieren will.

Herr Bovelet, kurz nach Amtsantritt haben Sie das Forum für Senioren, in dem zwölf Altenpflegeheime von Vivantes zusammengeschlossen sind, zu einem Ihrer Hauptthemen gemacht. Warum?

Weil in diesem Bereich – vor allem beim baulichen Zustand – noch einiges zu tun ist. Außerdem ist der Pflegeheimbereich noch schwieriger wirtschaftlich zu betreiben als der klassische Klinikbetrieb.

Wäre es dann nicht besser, den gesamten Pflegeheimbereich aufzugeben?

Nein! Das Forum für Senioren kann es schaffen, schwarze Zahlen zu schreiben, auch wenn es derzeit noch ein Verlustbringer für uns ist. Aber natürlich muss man die Frage stellen, ob wir alle zwölf Pflegeheime mit rund 1700 Pflegeplätzen erhalten wollen. Bis zum Herbst wollen wir jeden Standort prüfen, ob er wirtschaftlich zu betreiben ist, wie groß der Investitionsbedarf wäre oder ob ein Neubau nötig ist. In zwei Jahren sollten wir dann die nötigen Sanierungs- und Modernisierungsvorhaben geschafft haben.

Ein Beispiel ist das Heim Leonorenstraße in Lankwitz. Ein internes Gutachten listet unter anderem nicht behindertengerechte Aufzüge, einen überalterten Schwesternfunk, Zimmer ohne Duschen und andere Mängel auf. Müsste da nicht schnellstens etwas geschehen?

Das Heim in der Leonorenstraße ist so ein Beispiel für die Standortfrage: Ist dieses Heim tatsächlich unverzichtbar? Das muss vor der Sanierung geklärt werden. Denn es macht keinen Sinn, hier jetzt zu investieren, ohne vorher sicher zu sein, dass wir das Haus weiter betreiben oder Teile abreißen und neu bauen.

Wie hoch ist der Investitionsbedarf für alle zwölf Pflegeheime?

Laut einem von uns in Auftrag gegebenen Gutachten beträgt der Gesamtmodernisierungsbedarf rund 67 Millionen Euro. Für die nötigen Instandhaltungsarbeiten kommen weitere 20 Millionen Euro hinzu. Aber auch diese Summen werden wir jetzt noch einmal prüfen. Denn auch dies würde sich schließlich ändern, wenn wir einzelne Standorte aufgeben oder komplett neu bauen.

Vivantes will in diesem Jahr 65 Millionen Euro in Gebäudesanierung und Neuanschaffung von Geräten investieren, 2006 waren das noch 34 Millionen Euro. Welche größeren Bauprojekte wird Ihr Unternehmen in diesem Jahr in Angriff nehmen?

Zu den größten Projekten gehört der Neubau für die Psychiatrie und stationäre Abteilungen am Klinikum Hellersdorf, der 2011 fertig werden soll. Die Gesamtbaukosten von 47 Millionen Euro finanzieren wir übrigens ohne öffentliches Fördergeld. Außerdem wird am Kreuzberger Klinikum Am Urban ein neues Speiseverteilzentrum und eine neue Psychiatrie entstehen. Und am Humboldt-Klinikum in Reinickendorf investieren wir ebenfalls in die psychiatrische Abteilung.

Brauchen Berliner in Zukunft mehr psychiatrische Hilfe?

In diesem Bereich steigt der Bedarf tatsächlich. In unseren Klinika Hellersdorf und Am Urban entstehen aber reine Ersatzneubauten für veraltete Gebäudeteile. Am Humboldt Klinikum wollen wir die Kapazitäten erweitern, weil dort die Patientenzahlen deutlich wachsen.

Vivantes sucht die enge Zusammenarbeit mit niedergelassenen Ärzten. So haben sie mit den Berliner Urologen eine Genossenschaft gegründet, die auch eine Honorierung an die Ärzte für die Vor- und Nachsorge der an Vivantes überwiesenen Patienten beinhaltet. Kritiker nennen das Patientenkauf. Wie sehen Sie dieses Modell?

Wir kaufen keine Patienten. Die Genossenschaft ist ein sehr erfolgreiches Modell für eine sektorenübergreifende Versorgung der Kranken. Und die niedergelassenen Ärzte erhalten keine Prämie für Patientenüberweisungen an uns, sondern müssen viel zusätzliche Arbeit leisten, zum Beispiel für Voruntersuchungen und eine umfassendere Betreuung der Patienten als üblicherweise. Grundvoraussetzung für die Zusammenarbeit ist natürlich eine vollständige Transparenz. Und dafür stehen wir.

Werden Sie diese Form der Zusammenarbeit auch mit anderen Fachärzten suchen?

Das ist durchaus denkbar, allerdings nur mit kleineren, überschaubaren Fachgruppen, wie es die Urologen mit rund 170 Medizinern in Berlin sind.

Ihr Vorgänger als Geschäftsführer plante, für das Unternehmen eine neue Einnahmequelle zu eröffnen. Für Verstorbene, die bis zur Übernahme durch einen Bestatter in den Kühlräumen eines Vivantes-Klinikums lagern, sollte eine Gebühr fällig werden. Was ist aus diesem Plan geworden?

Ich möchte, dass Patienten in den Vivantes-Klinika in Würde sterben können. Wir werden weder in das Geschäft der Bestattungsunternehmen einsteigen noch Geld für die übergangsweise Aufbewahrung von Verstorbenen kassieren.

Zurzeit erregt der Prozess gegen die ehemalige Charité-Krankenschwester Irene B., die schwer kranke Patienten getötet haben soll, Aufsehen. Können Sie derartige Zwischenfälle für Vivantes ausschließen?

Hundertprozentig ausschließen kann man derartiges nie. Eine Garantie abzugeben, so etwas sei bei uns unmöglich, wäre nicht glaubwürdig. Aber wir haben Vorkehrungen getroffen. So gibt es bei Vivantes ein gut funktionierendes Meldesystem für Zwischenfälle. Wenn etwas passiert, dann wird dem Vorfall schnell und gründlich nachgegangen.

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