Berlin : In zwei Wochen war das Wäldchen platt

Auf der Rehwiese am Nikolassee schlägt der Bezirk „Sichtachsen“ frei – dagegen kämpfen nun Bürger

Christian van Lessen

Während sie an der Rehwiese in Nikolassee spazieren geht, kreist ein Mauersegler übers Gelände. Eigentlich sieht es unweit der Spanischen Allee idyllisch und ländlich aus. Aber Iris Fleckenstein-Seifert ist nicht zufrieden. „Das war hier voller Bäume, voller Büsche“, sagt sie und zeigt auf einen Teil der Grünfläche. „Nachtigallen bleiben aus, auch Zaunkönige.“ Es tut ihr noch heute weh, dass sie einen Kahlschlag nicht verhindern konnte.

Sie lag im Januar grippekrank im Bett, als aus Richtung Rehwiese hässliche Säge-Geräusche zu hören waren. „Ich konnte nichts tun. In zwei Wochen war das Wäldchen hier platt“, erinnert sie sich, spricht von einem Schlüsselerlebnis. „Wenn ich nichts gegen weiteren Kahlschlag unternehme, kann ich dort keinen Spaziergang mehr genießen“, dachte sie. Und überlegte, was dagegen zu tun sei.

Mehr als 40 Bäume konnte sie nicht mehr retten. Aber Iris Fleckenstein-Seifert, Kunsthistorikerin, begann, den überall spürbaren Unmut der Umgebung zu bündeln. Viele Anwohner waren erbost, dass der Bezirk den dichten Auwald gelichtet hatte. Es war die Zeit, als Steglitz-Zehlendorf vielerorts mit dem Hinweis auf nötige Sicherheits-und Pflegearbeiten kräftig abholzte. Zum Beispiel auch am Dahlemer Schwarzen Grund, wo sich spontan eine Bürgerinitiative bildete.

Auf der 16 Hektar großen Rehwiese, findet die 34-Jährige, sei der Natur großer Schaden zugefügt worden. Mit ihr sind mittlerweile 300 Anwohner der Meinung, dass mit dem Landschaftsschutzgebiet nicht sensibel genug umgegangen wird, dass der Bezirk historische Sichtachsen mit Kahlschlag verwechselt. Die Bürger haben sich in der Interessengemeinschaft „Pro Rehwiese – Natur und Kultur in Nikolassee“ zusammengefunden, wollen „die einmalige Wiesenlandschaft innerhalb Berlins mit ihrer außergewöhnlichen Artenvielfalt erhalten“. Unterstützt werden sie von den Naturschutzverbänden. „Wir haben auf Konfrontation, auf Unterschriftenlisten verzichtet“, sagt die Sprecherin der Gemeinschaft. „Wir wollen Kooperation. Das Amt kommt uns entgegen“, was Baustadtrat Uwe Stäglin (SPD) auch bestätigt. Aber der Konflikt um Sichtachsen schwelt. Das „Pflegekonzept“, sagt Stäglin, habe er schon Ende 2003 zur Diskussion gestellt, offenbar unbeachtet. Im Herbst werde es eine öffentliche Veranstaltung geben. „Es ist aber gut, wenn sich die Bürger engagieren.“

In Absprache mit dem Bezirk treffen sich die Anwohner zu regelmäßigen und freiwilligen Pflegeeinsätzen. „Da wühlen Professoren, Juristen, Direktoren in der Erde“, erzählt Iris Fleckenstein-Seifert. Sie pflanzen, entfernen Staudenknöterich, sammeln Müll. Sie stellen Nisthilfen für Vögel und Fledermäuse auf, veranstalten Führungen. Schon entwickelt sich ein kleines Kulturprogramm.

„Es hat viel Kraft gekostet, so viele Leute zu mobilisieren“, sagt Iris Fleckenstein-Seifert. Aber es freut sie, dass sich seither viele persönliche Kontakte entwickelt haben. „Die Leute leihen sich sogar schon ihre Autos aus...“

Nähere Informationen auch unter www.pro-rehwiese.de

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