Indisch Essen in Berlin : Inder statt „Inder“!

All-you-can-eat-Buffets und Hauptspeisen für 5,90 Euro – in Berlin ist die südasiatische Küche eine failed cuisine. Dabei hätte sie das Zeug zum nächsten großen Trend. Eine scharfe Rüge schlechter Essgewohnheiten.

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Gaumenfreuden. Die indische Küche, wie hier in Mumbai, ist eine der reichsten und vielfältigsten der Welt - leider lassen die indischen Restaurants in Berlin dies nicht unbedingt erahnen.
Gaumenfreuden. Die indische Küche, wie hier in Mumbai, ist eine der reichsten und vielfältigsten der Welt - leider lassen die...Foto: Divyakant Solanki/dpa

Wann waren Sie das letzte Mal richtig indisch Essen? Mein letztes wirklich gutes Alu Gobhi hatte ich in Brighton. Es hatte genau die richtige Mischung aus fordernder Schärfe und aromatischer Tiefe, die eine so einfache Anlage wie „Blumenkohl trifft Kartoffel“ in eine große Angelegenheit verwandelt. Der Koch, genau genommen kein Inder, sondern ein Pakistaner, zeigte mir in seiner Küche den Mörser, in dem er Kardamom, Kurkuma, Bocksklee und eine Unmenge anderer Gewürze für jedes Gericht individuell zermahlte. Das Gemüse kam aus biologischem Anbau, das Fleisch aus artgerechter Haltung. Das hatte seinen Preis: In Berlin hätte sich dafür eine Kleinfamilie in einem durchschnittlichen indischen Restaurant satt essen können.

Genau das ist das Problem! In Berlin indisch essen gehen heißt: Happy Hour und All-you-can-eat-Buffet, Hauptspeisen mit Fleisch unbekannter Herkunft für 5,90 Euro. Tandoori-Gerichte, die nie einen TandooriOfen gesehen haben. Und Klassiker wie Chicken Tikka Masala und Mulligatawny-Suppe, die ihre Existenz einzig dem europäischen Diktum „Zu Fleisch gehört Sauce und eine Mahlzeit beginnt mit Suppe“ verdanken.

Dabei könnte indisch die nächste Trendküche sein: Sie funktioniert hervorragend ohne Fisch und Fleisch, viele Gerichte sind vegan, ohne dass Surrogatprodukte einen Mangel vertuschen müssten. Und ihre Gewürzvielfalt, kombiniert mit dem Wissen um deren Wirkung, hievt sie auf Augenhöhe zu jedem stoffwechseloptimierenden Superfood. Warum aber interessiert das niemanden?

Jede Länderküche hat es schwer am Anfang, da ist die indische Küche kein Einzelfall: Die „cucina italiana“ wurde, neu in Deutschland, auf Pizza und Spaghetti Bolognese reduziert. Die chinesische Küche stand lange allein für Kross-Frittiertes in süß-saurer Sauce und Wunderliches wie Chop Suey, das nur außerhalb Chinas angeboten wird. Und ohne Döner als Türöffner hätte sich wohl niemand für die Vielfalt der türkischen Küche interessiert.

Es gibt Hoffnung: Ein paar junge Gastronomen probieren Neues – bisher aber nur beim Streetfood

Offenbar erwarten wir von den Küchen anderer Länder den Kniefall bis zur Selbstverleugnung, bevor wir uns für ihr wahres Wesen interessieren. Irgendwann fragt sich dann einer, der im Urlaub mal den Blick über den Schnitzeltellerand gewagt hat, warum zuhause so deutsch schmeckt, was im Urlaub so inspirierend anders war. Wenn er auf einen mutigen Gastronomen trifft, der die Küchentradition seiner Heimat in Ehren hält, dann gibt es Hoffnung: Das Besondere rechtfertigt höhere Preise, diese ermöglichen bessere Produkte und aufwendigere Zubereitung. Das Niveau steigt, das Restaurant erreicht ein neues Publikum, das versteht, dass eine Länderküche sich nicht nach dem Geschmack der Kundschaft richtet, sondern etwas ist, das von Generation zu Generation abertausend Mal gekocht und optimiert wurde. So wurde aus der Pizzeria der Edelitaliener, aus dem China-Restaurant der Dim-Sum-Spezialist, selbst die türkische Küche hat sich vom Döner emanzipiert. Nur die indische Küche ist, zumindest in dieser Stadt, eine failed cuisine.

Dabei hat es ambitionierte Versuche gegeben: Das „Namaskar“ in der Pariser Straße etwa führte seine Gäste durch die unterschiedlichen Regionalküchen Indiens – ohne Erfolg, es musste schließen. Das „Kashmir Palace“ lehnte sich qualitativ wie preislich weit über das Übliche hinaus, was sogar den indischen Botschafter begeisterte – genützt hat es nichts, der Palace ist geschlossen. Zu wenige Gäste waren bereit, mehr als zehn Euro für ein Hauptgericht auszugeben.

Doch jetzt beginnt gerade eine neue, unbeschwerte Generation, indische Kulinarik für Berlin zu entdecken. Sie macht vieles richtig, wenn sie klein anfängt: mit indischem Streetfood wie im „Chutnify“ in der Nähe des Kollwitzplatzes. Oder das kleine „Chai Wallahs“ am Görlitzer Park, in dem Oliver James mit Sandwiches aus Naan-Brot ein Einsteigerangebot kreiert, das er mit ausgefeilten indischen Dinner-Club-Abenden im „Muse“ vertieft. Das könnte der Anfang sein. Für eine echte indische Küche in Berlin.

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