Infoprojekt : Hausbesuche für den Jugendschutz

So gefährlich ist Alkoholkonsum für Jugendliche: Das Infoprojekt "Kafka" soll Wirte und Kioskbesitzer in Neukölln darüber aufklären, damit sie an Minderjährige keinen Alkohol verkaufen.

Tanja Buntrock
kafka
Kafka war da. Mitarbeiter des Bezirksamtes verteilen Aufkleber der Aktion an Laden- und Kioskbesitzer. -Foto: Kai-Uwe Heinrich

Der türkische Kiosk-Betreiber ist beeindruckt, als er die beiden Männer in der Eingangstür sieht. Sie leuchten in der Herbstsonne. Ihre Jacken, die Umhängetaschen und auch die Nasen sind rot. Als Andreas K. (56) und sein gleichaltriger Kollege Peter K. in dem Neuköllner Laden stehen, könnte man sie für Mitarbeiter einer Promotion-Firma halten. Aber die beiden haben einen gesellschafspolitischen Auftrag: Sie sollen Verkäufer in Imbissen, Kiosken, Tankstellen, aber auch Kneipenwirte über den Jugendschutz aufklären und ihnen klar machen, wie gefährlich es ist, Alkohol an Minderjährige zu verkaufen. „Kafka“ heißt die neue Präventionstruppe, die seit September durch Neukölln zieht. Kafka steht für „Kein Alkohol für Kinder Aktion“. Das Pilotprojekt und seinen Namen hat sich die Neuköllner Gesundheitsstadträtin Stefanie Vogelsang (CDU) ausgedacht.

„Kommen manchmal Kinder oder Jugendliche und verlangen Alkohol“, fragt Andreas K. den Kiosk-Inhaber, der neben einem Regal mit Wodkaflaschen hinterm Tresen steht. „Nee, Nee“, erwidert der schnell. „Lassen Sie sich immer den Ausweis zeigen, wenn junge Leute Alkohol kaufen wollen?“ Der Mann runzelt die Stirn. Wie die meisten Kioskbesitzer, die die Hilfskontrolleure an diesem Nachmittag besuchen, spricht er nur stockend Deutsch. Ob er die Männer in den roten Jacken wirklich versteht, ist fraglich. „Ausweis?“ Andreas K. wiederholt die Frage nochmal langsamer. Am Ende deutet der Kiosk-Inhaber an, dass er selbst Kinder hat und nie Alkohol an Minderjährige verkaufen würde. Dann dürfen die Kafka-Mitarbeiter ein Plakat an die Tür hängen: Das Logo der Aktion in einem roten Kreis, darauf steht „Ich mach’ mit“. Andreas K. und Peter K. verabschieden sich freundlich. Auftrag erfüllt. Über den Besuch und das Gespräch machen sie sich Notizen, dann geht es weiter zum nächsten Geschäft.

Mehr als 850 Jugendliche und Kinder hat die Polizei in diesem Jahr schon aufgegriffen und teilweise mit schweren Alkoholvergiftungen in Krankenhäuser gebracht. Fast kein Tag vergeht, an dem die Polizei nicht irgendwo einen Minderjähriger völlig betrunken aufgabelt. Erst am Freitagabend wurde ein Zwölfjähriger mit 1,95 Promille im Blut auf einer Parkbank gefunden. Vergangenes Jahr diskutierten Politiker aller Fraktionen intensiv über das sogenannte Komatrinken und über „Flatrate-Parties“, nachdem ein 16-jähriger Schüler nach einem Wodka-Wetttrinken ins Koma gefallen und kurz darauf gestorben war.

„Wer Alkohol verkauft, muss stärker in die Verantwortung genommen werden“, sagt Gesundheitsstadträtin Vogelsang. Aber auch Eltern und Lehrer müssten die Kinder viel mehr über die Folgen des Alkoholkonsums aufklären. „Was wir jetzt konkret und kurzfristig tun können, ist, den Zugang zu Schnaps, Bier und Alcopops so schwierig wie möglich zu machen“, sagt Vogelsang. Die Aktion „Kafka“ sei eine gute Möglichkeit, um direkt, im persönlichen Gespräch an die Verkäufer in Kiosken, Tankstellen und anderen Läden heranzukommen.

Das Kafka-Team besteht aus sechs Mitarbeitern, die von montags bis freitags, von acht bis 17 Uhr in Zweier-Teams auf Streife gehen; hinzu kommen zwei Projektleiter, die im Büro in der Kopfstraße sitzen. Die Mitarbeiter sind Langzeitarbeitslose und werden vom Jobcenter und aus EU-Mitteln bezahlt. Andreas K. ist gelernter Fotograf und musste wegen einer langen Krankheit ausscheiden. Sein Kollege Peter K., war 25 Jahre lang Zeitungsausfahrer, dann Pizza-Lieferant und freut sich jetzt, „dass er Jugendarbeit betreiben“ kann. Er findet den Job passend, denn er habe selbst fünf Kinder und sei jahrelang Trainer und Betreuer einer Jugendfußballmannschaft gewesen.

Im nächsten Kiosk, den Andreas K. und Peter K. ansteuern, sitzt eine Frau aus Sri Lanka hinter dem Tressen. Als die Kafka-Mitarbeiter sich vorstellen, sagt sie, sie hole schnell ihren Mann. Der Inhaber hört sich an, was die Männer über die Gefahren des Alkoholkonsums bei Kindern und Jugendlichen erzählen. Stolz zeigt er ihnen, dass er das Jugendschutzgesetz zweimal in seinem Laden aufgehängt hat. Der Geschäftsmann sagt, dass der ganze Alkoholkonsum bei Minderjährigen „ein soziales Problem“ sei. Unsere Gesellschaft die Kinder kaputt. „Ja, richtig. Aber ich denke auch, die Eltern haben eine Verantwortung“, erwidert Andreas K. Schließlich verabschieden sich die Männer mit Handschlag. Die Plakate sind verteilt. Der Kiosk-Betreiber aus Sri Lanka bekommt einen Aufkleber. Dass er sich an dessen Botschaft hält, können die Kafka-Kontrolleure nur hoffen, überprüfen können sie es nicht. Tanja Buntrock

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