Inge Deutschkron und Otto Weidt : Mutig sein, mutig bleiben

Inge Deutschkron hält die Erinnerung an die Menschen lebendig, die ihr in der Nazizeit das Leben gerettet haben. Darunter war der Berliner Bürstenfabrikant Otto Weidt. Wie man aus der Geschichte lernen kann, dokumentiert jetzt ein TV-Film.

Jugendliche 93 Jahre. Inge Deutschkron, hier in ihrer Wohnung, erzählt lebendig und enthusiastisch von der Vergangenheit – mit Mehrwert für Gegenwart und Zukunft.  
Jugendliche 93 Jahre. Inge Deutschkron, hier in ihrer Wohnung, erzählt lebendig und enthusiastisch von der Vergangenheit – mit...Foto: picture alliance / dpa

Etwas zu vergessen, das kann sie gar nicht leiden. Energisch blättert Inge Deutschkron in ihrem eigenen Buch, um die Straße mit S zu finden, in der damals das Mädchen an Tuberkulose starb, weil es nicht mal Milch bekam, geschweige denn Medikamente. Da hat sie es schon, es ist die Solinger Straße.

Dass die Zeit nicht vergessen wird, in der sie selber sich verstecken musste, um zu überleben, dafür kämpft sie seit langem. Dafür hat sie ihre Stiftung gegründet. Dafür ist die 93-Jährige immer noch unermüdlich als Zeitzeugin unterwegs. In Schulen erzählt sie, wie es damals war, als Hitler in Deutschland die Macht übernahm. Sie war elf Jahre alt.

In den Jahren danach war sie auf Hilfe angewiesen, und hat Hilfe erfahren. Viel Hilfe von verschiedenen Menschen. Es waren auch Bürgerliche darunter, aber vor allem waren es einfache Leute, die geholfen haben, Arbeiter, auch Prostituierte, die Portiersfrau, der Druckereibesitzer. Die Waschfrau gehörte dazu, die damals ins Haus kam und ihrer Mutter ein Versprechen abnahm: „Lassen Sie sich und Ihre Tochter nicht deportieren.“ Von in Polen stationierten Soldaten hatte sie erfahren, was in den Konzentrationslagern geschah. Die Waschfrau hat auch später noch geholfen. „Das ist Unrecht, was da geschieht“, sagte sie.

„Es darf nicht passieren, was da geschieht“, sagte Otto Weidt, der Anstreicher aus Rostock, der praktisch erblindet war und in seiner Blindenwerkstatt 30 jüdische Arbeiter beschäftigte. Ihm vor allem verdankt sie ihr Leben, denn er nahm sie als kaufmännische Mitarbeiterin auf. „Er hasste die Nazis“, sagt sie. „Denn er war davon überzeugt, dass alle Menschen die gleichen Rechte haben.“ Schon im Ersten Weltkrieg lehnte er es ab, eine Waffe in die Hand zu nehmen, wurde lieber Sanitäter. Später legte er sich mit den Nazis manchmal auch an. Ohne die Arbeiter könne er Wehrmachtsaufträge nicht erfüllen, argumentierte er.

Einen Teil der Lieferungen zweigte er ab, um Bürsten und Besen gegen Waren zu tauschen, mit denen er die Gestapo bestechen konnte. Wenn die zur Kontrolle kam, fragte er: „Darf’s vielleicht ein Parfüm für die gnädige Frau sein?“ Erst lehnten die Gestapo-Leute ab: „Aber ich bin doch im Dienst.“ Dann nahmen sie die Geschenke bereitwillig an. Inge Deutschkron ist eine brillante Erzählerin, energisch und leidenschaftlich. Sie erzählt von Chaimon und seiner Familie, die in der Werkstatt versteckt war. Als der sich einem alten Freund anvertraute, der zum Nazi-Spitzel geworden war, flog das Versteck auf. Otto Weidt verhinderte mal in letzter Sekunde die Deportation der Arbeiter. An die Szene erinnert sie sich noch genau, wie eines der Mädchen sagte: „Ich habe ja nicht mal eine warme Jacke für die Reise.“ Weihnachten lag dann eine Strickjacke auf ihrem Platz. Otto Weidt war auch der Einzige, den sie kannte, der auf die Idee kam, Pakete mit Lebensmitteln ins Konzentrationslager Theresienstadt zu schicken. Nach dem Krieg half er, ein jüdisches Kinderheim wieder aufzubauen.

Inge Deutschkron erzählt mit fester Stimme in ihrem „Teehaus“, wie sie den Wintergarten der gemütlichen Wohnung nennt. Sie hat so viele schreckliche Bilder im Kopf. Es gibt immer noch Ecken in Berlin, da kann sie einfach nicht hinfahren. Nach Spandau zum Beispiel. Genau erinnert sie sich noch an den Anruf der Lieblingstante: „Wir werden deportiert, kommt doch bitte noch mal vorbei.“ So viele Menschen, die sie verloren hat.

Aber auch viele Menschen, die geholfen haben. Sie war so ziemlich die Erste, die in den USA und in Israel darüber sprach, als das dort noch keiner hören wollte. Sie erinnert sich an die katholische Bäckersfrau in der Droysenstraße, die ihr sagte, sie solle vorbeikommen, wenn sie etwas brauche. Bevor sie deportiert wurden, klingelten die jüdischen Nachbarn bei ihr, und sie gab ihnen Brötchen mit auf den Weg, obwohl das gefährlich war. Sie gewährte auch ihrem früheren Anwalt Unterschlupf, als der untergetaucht war. Wenn russische Kriegsgefangene am Haus vorbeigeführt wurden, legte sie vorher Brötchen auf die Straße. Sie ist es, die Inge Deutschkron als Beispiel dafür anführt, woran man Menschen erkennt, die helfen. „Die reden nicht.“ Die Bäckersfrau habe später immer nur gesagt: „Ich habe viel zu wenig getan.“

Mit ihrer Stiftung will Inge Deutschkron vor allem sicherstellen, dass irgendwann die Frage beantwortet wird, wie es dazu kommen konnte. „Erst dann kann es nicht mehr wiederkommen.“ Material gibt es ja genug. Nur noch nicht genug Historiker, die sich damit befassen. Bevor sie die Stiftung gegründet hat, hat sie den Förderkreis für das Haus ins Leben gerufen, das an Otto Weidt erinnert. Viele von denen, die geholfen haben, seien links, sozialistisch und menschlich gewesen. Das Museum Blindenwerkstatt Otto Weidt an der Rosenthaler Straße 39 in Mitte bietet dazu auch jeden Sonntag um 15 Uhr Gratisführungen an.

Trotz ihrer vielen Aktivitäten fragt sie sich immer noch, ob es richtig war, zurückzukommen nach Deutschland. Lange ist sie gependelt zwischen Tel Aviv und Berlin, bis das irgendwann zu umständlich wurde. Aber sie wird richtig zornig, wenn sie über ihr Unbegreifen spricht, dass die NPD nicht verboten wurde. Darüber, dass die Justiz auf dem rechten Auge blind ist, was bei den NSU-Prozessen deutlich wird: „Ich kann das nicht ertragen“, sagt sie. Inzwischen ist es ihr manchmal unangenehm, auf Hilfe angewiesen zu sein. Sie kann nicht mehr so gut gehen, die Freunde kommen, um ihr beim Einkaufen zu helfen oder den Stolperstein sauber zu halten, der an ihrem Haus an Frau Flechtheim erinnern.

Nach dem Krieg half ihr ein britischer Soldat, den Vater wiederzufinden, der als engagierter Sozialdemokrat den Nazis doppelt verhasst war und früh genug nach England entkommen war.

Sie will erreichen, dass alle Jugendlichen etwas von der Vergangenheit erfahren. Die Stiftung könnte sowohl Geld als auch Ehrenamtliche brauchen. Ihr selber macht die Arbeit mit Jugendlichen Spaß. Sogar aus Westdeutschland kommen Schulklassen, um sich über Otto Weidt zu informieren. Aber ihr Eindruck ist, die Besucher kämen nie aus dem Osten. Das bekümmert sie, und sie will es ändern. Und so bleibt immer viel zu tun.

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