Berlin : Inge Dreyer (Geb. 1933)

Am Weltgeschehen kann man wenig ausrichten. Aber man kann sich selbst erfinden

Kirsten Wenzel

Wovon hängt es ab, ob sich ein Mensch wahrhaft entpuppen kann? Nicht zuletzt von Zufällen. Wenn zum Beispiel die Schule von Inge Dreyer nicht gebrannt hätte, dann wäre sie womöglich für viele weitere Jahre Lehrerin für Deutsch und Geografie geblieben. Sie war es ja gern, von den Schülern geliebt und von den Kollegen angesehen. Mit 37 wurde sie zur Schuldirektorin befördert. Über „Berlins jüngste Direktorin“ berichteten im Jahr 1970 die Zeitungen.

Keine Zeit und Energie für Künstlerisches habe sie damals gespürt, erinnert sie sich später. Sie stand mitten im Leben und hatte ihre Aufgabe. Man schenkte ihr Aufmerksamkeit, sie wurde gebraucht.

Einen richtigen Beruf zu wählen, der sie zuverlässig ernährte, einen Brotberuf, das war nach dem, was sie zu Kriegsende erlebt hatte, eine Sache der schlichten Vernunft. Hunger gehörte zum Alltag ihrer Jugendzeit, sie war eine „Bohnenstange“ mit prächtigem schwarzem Haar, schön anzusehen aber ohne jegliche Reserven. Gemeinsam mit ihrer jüngeren Schwester streifte sie in den Schulferien wochenlang durchs Havelland, von Bauer zu Bauer, fragte nach Essbarem, suchte Pilze und Beeren, doch die lange, dünne Inge war vor Hunger oft zu schwach zum Wandern. Dann beneidete sie ihre Schwester um die kräftigere Statur, die es möglich machte, 20 Kilometer durch die Mark zu marschieren, für einen Teller Erbsensuppe.

Endlich Frieden, Wohlstand, ein sicheres Leben – eine planbare Zukunft. Eingestellt auf Lebenszeit. Warum hätte sie daran etwas ändern sollen? Doch das Feuer in ihrer Schule, ein tückischer Schwelbrand, veränderte alles. Zwar kam dabei keiner ihrer Schutzbefohlenen zu Schaden, aber sie selbst verätzte sich bei einem letzten Kontrollgang die Lunge mit Dioxin- und Salzsäuredämpfen. Einige Jahre zuvor hatte sie eine Tuberkulose scheinbar überstanden, doch jetzt war sie chronisch krank, zu krank fürs Lehramt und plötzlich nicht mehr Berlins jüngste Rektorin, sondern mit 44 Jahren frühpensioniert. So begann das zweite Leben der Inge Dreyer.

Mondän und geheimnisvoll, das war sie bereits zuvor gewesen. Sie wusste um ihre Reize und ihren Wert. Wie ein Filmstar gekleidet und mit Sinn für kostspielige Freizeitgestaltungen hatte sie das Leben mit ihrem Ehemann Henry genossen. Mit Mercedes und Segelboot auf dem Anhänger ging es ans Mittelmeer, und die Verwandtschaft, besonders die kleinen Neffen und Nichten, die sie unterwegs besuchte, staunte über so viel Glanz.

Doch nun, ohne ihre Pflichten als Schuldirektorin, konnte sie ihr Faible für Inszenierungen ohne die bisherigen Grenzen ausleben. Zum Auftritt konnte jede Begegnung mit einem anderen Menschen werden. Bevor sie das Haus verließ, suchte sie in ihrem fünf Meter breiten Kleiderschrank nach der passenden Garderobe. Alles war farblich sortiert, Fächer in den Türen boten Platz für hunderte Tücher, Gürtel, Schnallen, Haarspangen und sonstiges Accessoire.

Sie brauchte die richtige Kleidung, um sich sicher zu fühlen. Überraschungsbesuche schätzte sie nicht so sehr. Sie wollte sich auf jeden Menschen besonders vorbereiten.

Weitere Kleider und Kostüme befanden sich auf einer bekriechbaren Hochebene. Hier war auch ihre Nähmaschine untergebracht, mit der sie jedes Kleidungsstück umarbeitete. Hier noch einen Gummi rein, da was abgeschnitten, da ein Täschchen ran. Es gibt nichts, was sie nicht änderte und personalisierte. Ihr Kostüm auf dem Flamenco-Festival war natürlich das auffälligste, auch wenn sie nur Zuschauerin war. Wenn ein Kind in der Familie Konfirmation hatte, tauchte Inge im wallenden Bühnenkostüm auf und trug selbstverständlich und ungefragt etwas vor. Sie brauchte einfach den Applaus. Und man spendete ihn gern.

Täglich nahm sie erhebliche Mengen an Medikamenten zu sich und war stets etwas kurzatmig. Später beugte sich ihr Rücken immer mehr. Doch sie bewegte sich fürs Leben gern. Zuletzt kam sie mit dem Rollator zum wöchentlichen Training; Paddeln im Versehrtensportklub gehörte ebenso dazu wie Volkstanz und Flamenco. In ihrer kleinen Studiowohnung in der Kurfürstenstraße praktizierte sie vor der Spiegelwand freien Ausdruckstanz, sie lernte Kastagnetten spielen, begann zu schreiben. Und verband all dies bei ihren Auftritten als Märchenerzählerin, selbstverständlich in rauschenden Gewändern, mit viel Dekolleté, Make-up und klappernden Armreifen.

Geschichten ausdenken, das hatte ihr schon als Kind gefallen. Ihr erstes Publikum waren ihre Schwester Erika und deren beste Freundin Sonja. Die saßen zu zweit auf dem Kachelofen und lauschten, wenn Inge loslegte. Schon ihre Kindheit in den dreißiger Jahren war bemerkenswert glücklich. Die Eltern betrieben eine Zoohandlung in Steglitz, lebten dort mit ihren Kindern und schirmten sie vor aller Unbill ab. Selbst dass der Vater aus politischen Gründen mal in Lagerhaft war, konnten die Eltern vor ihr verbergen.

So kam es, dass Inge ihre ersten Lebensjahre in einer Art paradiesischem Urzustand gemeinsam mit Affen und Mäusen, Igeln, Eidechsen, Papageien und Wasserflöhen verbrachte. Pflegeäffchen Kiki – eine Zeit lang eine Art Geschwisterkind, Igel Moritz, der Inge als Einziger seinen weichen Bauch zum Streicheln präsentierte, und die ungezählten Tiergeschichten, die ihre Mutter zu erzählen wusste, das alles gab der Fantasie für ein ganzes Leben Nahrung. Und Inge sog es hellwach in sich ein.

In ihren Erinnerungen schrieb sie: „Noch heute sehe ich die wandfüllenden Vogelkäfige mit ihren piepsenden oder plappernden Einwohnern, die Affen, die in ihrem großen Bereich hinter der Schaufensterscheibe herumtollten, die jungen Eichhörnchen, die aus dem Nest gefallen waren, von Kunden als Pflegekinder zu meiner Mutter gebracht wurden und nun aus ihren Kitteltaschen schmulten.“

Spätestens mit dem Beginn des Zweiten Weltkrieges und der Einberufung des Vater war es vorbei mit der glücklichen kleinen Welt. Die Zoohandlung musste schließen, die Mutter floh mit den Mädchen nach Pommern. Die Flucht in den letzten Monaten des Krieges zurück gen Westen gehörte dann zu den dunklen Kindheitserinnerungen: eingepfercht im überfüllten Zugwaggon ohne Fenster bei bitterer Kälte. Auf den Nachbarplätzen erfror damals ein Baby, und sie musste zusehen, wie die Eltern in ihrer Hilflosigkeit es aus dem Fenster warfen. In Berlin folgten die Bombennächte im Luftschutzkeller. Bei Kriegsende war sie zwölf und hatte das Leben schon von seinen hellsten und dunkelsten Seiten kennengelernt.

Man kann sich eine eigene Welt schaffen, zumindest für eine gewisse Zeit. Diese Schlussfolgerung nahm sie wohl mit aus ihrer Kindheit. Am Weltgeschehen kann man wenig ausrichten. Aber man kann sich selbst erfinden.

Ihre Selbstsicherheit war bemerkenswert. Über Kritik war sie erhaben. Die Angst, sich lächerlich zu machen, kannte sie nicht. Perfekt musste sie nicht sein, weder im Tanz noch im Kastagnettenspiel. Auch dass der große Durchbruch als Schriftstellerin ausblieb, konnte sie nicht dauerhaft betrüben. Wenn sie als Märchenerzählerin auftrat, entstand ein Reich der Fantasie, in dem sie regierte. Sie schaffte auch für das Publikum den Zugang zu etwas Neuem, eröffnete Welten.

Eigentlich blieb sie Pädagogin, vermutlich Berlins kreativstes Exemplar. Nur ihr Brot musste sie zum Glück damit nicht mehr verdienen. Das Geld, das sie mit dem Verkauf ihrer Märchen nach den Vorstellungen einnahm, kleine Heftchen, die Bilder von Hand koloriert, spendete sie an die SOS Kinderdörfer. Und ihre Geschichten stellte sie auf ihre Internetseite, zum kostenlosen Ausdrucken und Vorlesen.

Von ihrem Mann getrennt, fand sie in Dieter ihre große Liebe. Auch er ein freier Künstler, der nicht vom Arbeiten leben musste. Sie reisten von Alaska bis Feuerland, schrieben, hielten Dia-Vorträge. Sie nahm sich die Zeit, ihre geliebte Mutter bis zum Tod zu pflegen. Noch mit 70 reiste sie allein im Camper-Bus zum Nordkap, um die Mitternachtssonne zu sehen.

Und mit fast 80 ließ sie sich im Krankenhaus helfen, ihre Haare schwarz zu färben. In der Reha verteilte sie selbst gedruckte Flyer und lud zu Lesungen mit Tanz und Musik. Auf der Rückseite erwähnte sie natürlich ihren Ehrendoktortitel Prof. Dr. lit. h. c. aus Paris und London und die Aufnahme in das internationale Who is Who.

Als sie im letzten Jahr bettlägrig war, nicht mehr schreiben, lesen, fernsehen konnte, blieb sie vergnügt und klagte nicht. Besucher erlebten sie als besonders glücklich in dieser Zeit. Für Selbstdarstellung war nun kein Raum mehr. „Ich träume einfach den ganzen Tag“, erklärte sie.

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