Berlin : Inge Schillings (Geb. 1957)

"Das kann doch nicht sein, dass es mir so gut geht und ich am Ende sterben muss"

Jörg Machel

Inge hatte mit den Männern abgeschlossen. Schade eigentlich, sagte sie. Aber mit 50 findet man keinen mehr. Schön war das Leben trotzdem. Sie hatte ihre Tochter Lara, sie hatte den Chor, sie ging gern zur Arbeit in die Kita. Die Nachbarschaft stimmte und die Miete zum Glück auch noch. Alles im Lot.

Aber Inge wollte immer noch das große Glück und nicht nur die kleine Zufriedenheit. Wo waren die Schmetterlinge im Bauch? Es war doch noch Sommer. Sie war fit, sah gut aus, sie kam gut an.

Und dann kam Hans, ganz unspektakulär. Sie kannte ihn ja schon seit über 20 Jahren, es gab auch mal eine Affäre, lange her. Und jetzt, plötzlich war es wieder da, das Kribbeln im Bauch und der Widerstand im Kopf: Ist doch Unsinn, kann doch gar nicht sein. Ich spinne. Alle sollten wissen, dass sie spinnt. Sie sprach mit den Freundinnen darüber, mit den Kolleginnen, mit der Tochter. Sie fragte: Kann das sein? Und ließ keinen Raum für die Antwort. Klar, es ist so und es ist gut.

Nervig waren die blöden Bauchschmerzen. Sie kamen immer wieder und die Ärzte waren ratlos. Aber keine Angst, kein Krebs.

Und dann doch. Eine Operation brachte Gewissheit, und dann wurden auch noch Geschwüre in der Lunge gefunden. Aber Inge war doch so glücklich, und Hans war da und stand fest an ihrer Seite. Da waren sie sich sicher: Glück und Liebe sind die beste Medizin gegen jede Art von Krankheit.

Die Therapie aus Chemo und Glück schien anzuschlagen. Inge strahlte weiter. Sie fühlte sich gut. Manchmal kam die Angst, aber so blöd, so falsch konnte es doch gar nicht laufen: „Das kann doch nicht sein, dass es mir so gut geht und ich am Ende sterben muss?“

Die Unsicherheit, ob die Liebe zwischen ihr und Hans nur ein Wiederaufflammen alter Leidenschaft sein könnte war verflogen. Irgendwann werden sie heiraten, so viel war klar.

Dann aber nahm die Krankheit ihren Lauf, entgegen jeder Wahrscheinlichkeit, ungeachtet jeden Glücks. Es wurden Metastasen in ihrem Kopf entdeckt, eine weitere Operation war nötig, es gab Komplikationen. Nach einem Schlaganfall fiel ihr das Reden schwer. Der poltrige Auftritt einer Ärztin machte aus der Ahnung Gewissheit: Die verbleibende Lebenszeit war kurz, sehr kurz. Das Krankenhaus wurde zu ihrem Zuhause. Das Einzelzimmer wurde zur Wohnung, ein Bett wurde dazugestellt, und Hans blieb bei Inge, Tag und Nacht.

Die Zeit lief ihnen davon und Hans wollte endlich laut ausgesprochen wissen, was offenbar war: Wir gehören zusammen! Lass uns heiraten, bat er. Sie hofften, dass ihnen noch etwas Zeit geschenkt würde. Sie planten ein Fest, im Rollstuhl zwar, aber mit großem Bahnhof.

Dazu kam es nicht mehr. Der Pfarrer wurde ins Krankenhaus gerufen, am Sonntagnachmittag. Besser etwas früher, wenn es geht. Eine kleine Runde hatte sich um das Krankenbett im geschmückten Patientenzimmer versammelt. Inge war schwach, aber glücklich. Die Tochter war mit ihrem Freund gekommen, eine Cousine mit Familie, ein paar Freunde. Inge und Hans gaben sich das Ja-Wort und versicherten sich ihrer Liebe im Leben und über das Leben hinaus.

Sie wechselten die Ringe, und Hans’ Finger schwoll unter dem zu engen Ring bedrohlich an, er musste in die Rettungsstelle. Eine halbe Stunde später kam er mit zersägtem Ehering zurück und die Runde schüttete sich aus vor Lachen. Dann löste sie sich auf.

Zurück blieben Hans, Lara und ihr Freund. Inge hatte ihre letzte Lebenskraft aufgebraucht. Schön war es, sagte sie. Und dass sie glücklich sei mit Hans. Zwei Stunden nach der Heirat starb sie. Am Sonnabend ist die Beerdigung auf dem Alten St.-Matthäus-Kirchhof. Jörg Machel

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