Berlin : Ingeborg Hoch (Geb. 1921)

Ihr Haus: eine Zitrone unter lauter Jumbokartoffeln.

Stephan Reisner

Der große runde Marmortisch im Wohnzimmer war schnell gedeckt, egal, ob zum Mittagessen, zu Kaffee und Kuchen oder zum Abendbrot. Ingeborg Hoch richtete sich auf jeden Gast ein. Roch das Haus nach Schweinebraten und Hefeklößen, dann war Sonntag und sie erwartete die ganze Familie. Wenn auch noch Freunde dazukamen, wuchs die Tischrunde schnell auf 15 Personen an. Die Enkel empfanden die Besuche bei ihr immer wie ein Bullerbü aus den Astrid-Lindgren-Büchern. Die riesigen Kiefern im Garten, die ruhige Straße zum Spielen, der nahe See zum Baden und Schlittschuhlaufen – bei „Omili“ oder „Omale“, wie sie sie nannten, war die Welt in Ordnung.

Das war nicht immer so. Als Kind war sie still, blieb gern für sich und las viel. Ihre Geschwister dominierten das Familienleben. Als sie dann selbst drei Kinder hatte, verließ ihr Mann sie. Unterhalt zahlte er nicht. So arbeitete sie weiter in dem Betrieb ihrer Familie, in der ihr älterer Bruder das Sagen hatte. Er fühlte sich auch als Familienoberhaupt und mischte sich immer wieder in die Erziehung ihrer Kinder ein.

Als die Firma Anfang der siebziger Jahre in eine Aktiengesellschaft umgewandelt wurde, atmete sie endlich auf. Mit der jährlichen Dividendenausschüttung wurde sie wenigstens finanziell unabhängig. Als sie mit 60 in den Ruhestand ging, begannen ihre glücklichsten Jahre. Mit ihren Freundinnen aus Zehlendorf ging sie zu Karajan in die Philharmonie, mit den Enkelkindern ins Museum. Mit einem norwegischen Postschiff fuhr sie zur Sommersonnenwende ans Nordkap. Eine Reise, von der sie immer wieder sprach. Einmal im Jahr quartierte sie sich für mehrere Wochen in Schloss Elmau ein, hoch in den Alpen. Keiner der Gäste dort schloss sein Zimmer ab, jeden Morgen wurde getanzt.

Und überall hörte sie ihre klassische Musik: stundenlang in ihrem Sessel mit Blick in den Garten, unbedingt auch in der Küche bei der Arbeit. Ihr Sohn hatte dort extra einen Lautsprecher installiert. Die Einrichtung des Häuschens im extrovertierten Siebziger-Jahre-Design war auch seinem Geschmack geschuldet. Noch als Student hatte er bei ihr unter dem Dach gewohnt. Die Fensterläden quietschgelb anzumalen, war seine Idee. Ingeborg Hoch verband die Modernität des Sohnes mit eigener Gemütlichkeit. Auf den filigranen Glastisch legte sie eine gehäkelte Spitzendecke. Neben die ab strakten Kleinplastiken auf dem Sideboard stellte sie einen Strauß Trockenblumen. 14 verspiegelte Glühbirnen an einem riesigen rautenförmigen Chromgestänge schufen eine betörende Festbeleuchtung.

40 Jahre lebte sie in ihrem Häuschen. Jeden Abend ging sie hinaus, um die Fensterläden zu schließen. In der sonst so trutzigen und herrschaftlichen Nachbarschaft wirkte ihr Haus wie eine Zitrone unter lauter Jumbokartoffeln. Das Haus einmal endgültig zu verlassen, erschien undenkbar.

Die steile Kellertreppe wurde ihr zum Verhängnis. Die Operation des komplizierten Armbruches verlief erfolgreich, doch wenige Tage später, noch im Krankenhaus, erlitt sie einen Magendurchbruch. Entschieden lehnte sie einen riskanten Eingriff mit möglichen Spätfolgen ab. „Es geht zu Ende“, sagte sie nüchtern zu ihrer ältesten Tochter am Telefon. Die wollte sofort von Köln nach Berlin aufbrechen, doch die Mutter bat: „Du kommst erst zu meiner Beerdigung.“

Die Familie in Berlin versammelte sich um ihr Bett. Dort verabschiedete sie sich von allen. Nach der Beisetzung unter einer großen Buche in Stahnsdorf gingen Kinder, Enkel und Urenkel noch einmal in das Haus am Schlachtensee und erinnerten sich an ihr Berliner Bullerbü. Stephan Reisner

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