Berlin : Ingeborg Nebel (Geb. 1921)

Die Kinder waren so artig, dass es fast schon ein wenig langweilig wurde

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Im Mai zog Ingeborg mit ihrer Schwester für die Nächte in das Häuschen weit hinten im endlosen Woltersdorfer Garten. Im Sommer lief sie barfuß über die Wege und Wiesen. Ihre Kleider waren von der Mutter genäht. Fleisch aß sie kaum. Dafür Äpfel und Birnen von den eigenen Bäumen, Beeren von den eigenen Sträuchern, Kartoffeln von den eigenen Feldern. Sie wusste, sie lebte anders als die anderen Kinder. „Mutti, ich will nicht immer ’ne Gitarre sein“, sagte sie vierjährig zu ihrer Mutter. Sie meinte „Vegetarier“.

Bereits ihr Großvater Bruno Wilhelmi, Lebensreformer und Gründer der „Kolonie Eden“ westlich von Oranienburg, war aus der engen, schmutzigen Großstadt fortgegangen. Moderne bedeutete Verfall für ihn, Entfremdung vom Naturzustand des Menschen. In den dreißiger und vierziger Jahren verloren diese Begriffe jedoch ihre Unschuld: Naturzustand, Befreiung, Erlösung, Heil. Es ging nicht mehr darum, die menschlichen Körper und Köpfe mit Licht und Luft zu erfüllen. Es endete in Auschwitz. Ingeborgs Vater, Reichserbhofsgerichtsrat, wurde nach dem Krieg enteignet, nicht wegen seiner Ideen zur Natur, sondern weil er im Apparat der Nazis eine hohe Funktion innehatte. Keines der Kinder würde mehr barfuß durch den endlosen Garten laufen.

Während des Krieges wurde Ingeborg Schulhelferin, unterrichtete polnische Kinder in Oberschlesien, studierte drei Semester an der Hochschule für Lehrerbildung, wurde zum Schuldienst in Ostpreußen einberufen, stand vor Klassen mit 45 Schülern. Sie fühlte sich überfordert, unglücklich. Eines Abends ließ sie sich überreden, zu einem Kameradschaftsabend der Soldaten mitzukommen. Und begegnete Artur. Doch jeder musste in eine andere Richtung. Artur an die Front, Ingeborg nach Berlin. Dort trafen sie sich wieder, am 23. August 1945. Einen Monat später heirateten sie und verließen die Stadt.

Solange Artur studierte, arbeitete Ingeborg. Das Laufgitter für das erste Kind stellte sie noch im Schulhof auf. Sobald Artur seine Studien abgeschlossen hatte, blieb sie zu Hause. Fünf weitere Kinder bekam sie noch. Und alle sollten bemerken, ähnlich wie ihre Mutter, dass ihre Kindheit sich unterscheidet von der der anderen. Immer kamen Menschen zu Besuch, blieben bisweilen wochenlang, saßen während der Mahlzeiten um den großen Tisch, führten Gespräche, deren Themen nicht künstlich auf ein Kinderniveau gestutzt wurden. Was nicht hieß, dass es keine Regeln gab. Nackt durch den Garten laufen, das durfte man. Wer aber ein Hemd trug, durfte es auf keinen Fall aus der Hose hängen lassen.

Nach und nach verließen die Kinder das Haus. Zeit, zu zweit zu reisen: in die USA, nach Griechenland, Sizilien, auch Israel. Wenn sie später nachts nicht schlafen konnte, wiederholte sie all die gegangenen Wege in ihrer Erinnerung.

Im April 2000, nach langer Krankheit, starb Artur. Im Jahr darauf gab Ingeborg das Haus in Hannover auf und bezog eine Wohnung in Schönberg bei Kiel. „Ich habe noch nie so viel Zeit und Freiheit in meinem Leben gehabt“, sagte sie mit 80. Fuhr in den kommenden neun Jahren mehr als 10 000 km mit ihrem Fahrrad. Las Unmengen Bücher. Eine Biografie über Barack Obama. Den Briefwechsel zwischen Elly Heuss-Knapp und ihrem Mann. Erzählte von den Büchern, dass ihre Zuhörer bald dachten, sie hätten sie selbst gelesen. Las Bücher, die sie vor Jahrzehnten gelesen hatte, ein weiteres Mal und staunte, wie unzeitgemäß sie inzwischen waren.

Sie traf sich auch mit anderen älteren Damen. Und stellte während dieser Treffen hin und wieder ihr Hörgerät ab: „Ach, die Leute sprechen oft über nichts als ihre Krankheiten. Und wenn sie doch mal etwas Lustiges erzählen und lachen, dann lache ich einfach mit.“

Zwölf Enkel und neun Urenkel hatte sie inzwischen. Lud eines Sommers drei von ihnen ein, eine Nacht bei ihr zu schlafen. Die Kinder wurden vorher von ihren Eltern ermahnt: Zankt euch nicht, helft einander. Am folgenden Tag die bange Frage an Ingeborg: Ging alles gut? Und Ingeborg sagte: Die Kinder waren so artig, dass es fast schon ein wenig langweilig wurde. Und so habe ich ihnen heute Morgen vorgeschlagen, Verstecken zu spielen. Hat Spaß gemacht. Und nun bin ich erschöpft."

Einmal im Jahr, seit mehr als 20 Jahren, kommt die Familie zusammen. Finanziert, und anfangs auch organisiert, wurden diese Treffen von Ingeborg und Artur. In ihrem Testament legte Ingeborg fest, ein Teil ihres Erbes solle für die Zusammenkünfte der nächsten 20 Jahre verwendet werden. Tatjana Wulfert

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