Berlin : Ingeborg Nicklisch (Geb. 1917)

Die Kunst stand weit über dem menschlichen Streben

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Das Kind sollte was lernen, wusste aber nie so recht wofür. Es träumte lieber durch den Tag, als sich mit den Phänomenen der Wirklichkeit zu beschäftigen. Ingeborg begegnete der Welt anders, direkter. Sie umarmte Bäume. Das ist schon sehr verdächtig, ein Rückfall aus der Botanik in die Romantik, eine Seelenverwandtschaft mit Wandergesellen, Trollen und Waldgeistern. Ihr gefiel es dagegen gut bei Hölderlin und Heine.

Das Kind muss ans Theater, dachte sich die Mutter, sofort.

Ein Foto aus den fünfziger Jahren zeigt sie in Hosen, die Hände in den Taschen, forscher Gang, kurze Haare. Die Augen: leuchtend grün, der Blick nach Schönheit suchend. Manchmal trug sie einen Turban. Ihre Haare brünett, später wechselte sie zu Rot. Körper und Kostüm bildeten eine Einheit, die Aufmerksamkeit erregte, Assoziationsketten in Bewegung setzten. Weg von den profanen Dingen, hin zu den Figuren der Fantasie. Sie tanzte. Nein, sie formte Bewegung aus Musik, gab den Klängen eine Gestalt. Ausdruckstanz nannte das die Erfinderin Mary Wigman.

Der Vater, Amtsrichter, Säule der Gesellschaft, hielt nicht viel von biegsamer Bühnenpräsenz. Doch die Mutter setzte sich durch, brachte Ingeborg zu Max Terpis, dem ehemaligen Leiter des Berliner Staatsballetts. Der machte aus dem schüchternen Mädchen eine selbstbewusste Aktrice, die für den Moment des Auftritts lebte. Um Geld zu verdienen und Bühnenerfahrung zu sammeln, trat sie mit den Hiller-Girls auf, einer bekannten Tanzformation, die für die großen Revuen im Friedrichstadt-Palast und in Filmen gebucht wurde. Das Markenzeichen: makellose Beine und höchste Präzision. Im Münchener Nationaltheater erhielt sie anschließend eine Anstellung als Tänzerin im Ballett, doch was sie eigentlich wollte, waren Solorollen, befreit vom engen Korsett der Ballettfiguren, Ausdruckstanz, das war damals modern. Nach zwei Spielzeiten hörte sie auf, ging nach Berlin zurück und trat in kleinen Theatern auf.

Inzwischen tobte der Weltkrieg, und Ingeborg erhielt ein Engagement am Theater in Posen. Dort durfte sie auch im Schauspiel mitmachen, kleinere Rollen, aber immerhin kein Ballett. Anschließend ging sie auf Tournee durch die von der Wehrmacht besetzten Länder. Fronttheater, um die Soldaten bei Laune zu halten. 1944 hatte sich das erledigt, weil überall das Rückzugschaos ausgebrochen war. Ingeborg wurde in die Wehrmachtsbibliothek Döberitz abkommandiert, ein guter, relativ sicherer Posten. Dort konnte sie E. T. A. Hoffmann und Rilke lesen, während die Offiziere nach den Werken von Clausewitz und Rommel verlangten. Wo die stehen? Ingeborg hatte keine Ahnung. Die Offiziere mussten sich selber durch die Regale kämpfen und bekamen dafür ein Lächeln. In Döberitz lernte sie Hans Nicklisch kennen, ihren späteren Mann, der noch später den Nachkriegs-Bestseller „Vater unser bestes Stück“ schrieb, und Kritiken für den Tagesspiegel.

Eine Tochter kam zur Welt, drei Jahre nach Kriegsende. Ingeborg wurde Hausfrau, weil es anders nicht ging. Hans arbeitete als Dolmetscher für die Amerikaner und ernährte so die Familie. Aber das Tanzen und die Bühne waren nicht vergessen. Ingeborg begann wieder zu trainieren, es fanden sich aber keine Förderer und Unterstützer mehr. Allenfalls das Kunstamt Wilmersdorf, das den Ceciliensaal für die „Stunde des Tanzes“ zur Verfügung stellte. Ingeborg interpretierte Musik von Prokofjew, Bartok, Chopin und Schumann.

Nach den Aufführungen richtete sie das Müsli fürs Frühstück, backte noch einen Kuchen und legte sich schlafen. Gesunde Ernährung war ihr wichtig, möglichst mit Zutaten aus dem Reformhaus. Was genau in den Lebensmitteln war, wusste sie nicht, sie kochte intuitiv, vertraute ihren Impulsen, am Ende war eine Mahlzeit geschaffen, die es so nie wieder geben sollte. Kochkunst eben.

Sich angemessen zu kleiden und in Szene zu setzen nahm auch im Alltag viel Zeit in Anspruch. An keinem Spiegel ging sie vorbei, ohne den Zustand von Haaren und Teint zu kontrollieren. Wenn das Telefon klingelte, sie aber nicht sprechbereit war, weil die Gedanken sich gerade sammelten oder in einer Choreografie versunken waren, ging sie nicht ran.

Bedauern, dass sie es nicht in die Reihen der Großen geschafft hat, verbat sie sich. Auch der Tochter legte sie die Last nicht auf, an ihrer Statt berühmt zu werden. Sie geizte mit Lob und dosierte die Kritik, als gehe es um einen Unbekannten. Und die Tochter machte die Karriere, die ihr versagt blieb. Die Kunst stand für sie weit über dem menschlichen Streben.

Der Umstand, wegen körperlicher Schwächen im Krankenhaus zu liegen, war ihr keiner Erwähnung wert. Sie schminkte sich, fragte nach neuen Inszenierungen und Namen, erzählte von ihren Lektüren.

So wurde sie 98 Jahre alt. 100 zu werden, erschien ihr anmaßend, das lehnte sie ab.

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