Berlin : Ingeburg Einofski (Geb. 1937)

„Aber Letzter sollten wir doch nicht werden“

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Die Mädchen haben ihre Haare streng nach hinten zu einem Pferdeschwanz oder Dutt gebunden. Sie haben sich anliegende Shorts und Hemdchen oder glitzernde Gymnastikanzüge angezogen. Sie laufen barfuß oder mit Schläppchen. Sie hüpfen hin und her, schwatzen und kichern.

Die Tür der Turnhalle geht auf. Eine Frau mit zwei Körben rechts und links kommt herein. In den Körben liegen Haargummis, CDs, kühlende Salben, Papiere und Gummibärchen. Die Mädchen hören augenblicklich auf mit dem Geschnatter und rennen der Frau entgegen: „Nofski!“, rufen sie mit ihren hellen Stimmen, „Ich kann den Handstand fast allein“, oder: „Mir tut der Fuß weh.“ Ingeburg Einofski stellt die Körbe ab, legt der einen lobend die Hand auf den Kopf, reibt der anderen Salbe auf den Knöchel.

Für ihre Turnmädchen war sie immer nur „Nofski“, die man selbstverständlich duzte. Nie bevorzugte sie jemanden, wendete sich immer allen gleichermaßen zu. Kam ein Mädchen mit einer Freundin in den Turnverein, wäre sie im Leben nicht darauf gekommen, beide in verschiedene Gruppen zu stecken, Talent hin oder her. Versuchte ein Mädchen zum x-ten Mal einen Sprung auf dem Schwebebalken, schaffte ihn nicht und jammerte: „Das kann ich nicht“, dann sagte sie: „Das kannst du noch nicht.“

Drei Mal in der Woche kamen die Kinder zum Training in die Halle in Lichterfelde, und Ingeburg Einofski war immer da. Zweimal nur fehlte sie. Einmal war es eine Lungenentzündung, das andere Mal war sie über ein Mädchen gestolpert und hatte sich dabei das Bein gebrochen. Kurz nach der Operation aber humpelte sie wieder herein, setzte sich auf einen Mattenwagen und ließ sich umherschieben.

Dabei ist sie selbst nie eine Turnerin gewesen. Ihre drei Töchter gingen in den Verein, und eines Tages gab es keinen Trainer mehr. Ingeburg Einofski sprang ein. Sie machte den Trainerschein und leitete die Turnabteilung. Natürlich fiel auf, dass sie kein Profi war. Um zum Beispiel den Flickflack zu lernen, üben die Turner normalerweise ewig die korrekte Grundhaltung. Ingeburg Einofski dagegen ließ ihre Mädchen auf den Mattenwagen steigen, auf dem sie sich nach hinten fallen lassen mussten. Und doch beherrschten sie dann den Luftsprung, streckten sich und flogen rückwärts und standen wieder kerzengerade auf dem Boden. Es hatte sogar eine erfolgreiche Zeit in den Neunzigern gegeben, drei Mal belegte ihre Gruppe den ersten Platz in der obersten Liga. Lief es nicht so mit den Triumphen, sagte sie: „Man soll was lernen und Spaß haben“, überlegte einen Moment und fügte hinzu: „Aber Letzter sollten wir doch nicht werden.“

Mittwochs stand sie nicht in der Halle, sondern vor den Schülern ihrer Volkshochschulklasse, denen sie zeigte, wie man mit Aquarellfarben malt. Rief irgendjemand bei ihr zu Hause an, nahm zumeist ihr Mann den Hörer ab und sagte umgehend: „Meine Frau ist nicht da.“ In den Ferien fuhren sie zusammen nach Franken, in ihr kleines Haus, spazierten durch den Wald, setzten sich in den Garten und ließen das Telefon klingeln.

Irgendwann begannen die Rückenschmerzen. Ich bin eben alt, dachte sie und ging dann doch zum Arzt. Bauchspeicheldrüsenkrebs, sagte der. Ihr fielen die Haare aus, und sie kaufte sich eine Perücke. Sie fuhr zum Landessportfest und schlief wie alle anderen auf einer Isomatte. Sie ging in die Turnhalle und sprach mit den Kindern. Sie musste ins Krankenhaus. Sie starb.

Das Training hat begonnen. Die Mädchen laufen mit konzentrierten Gesichtern auf einem riesigen Luftkissen, strecken sich, fliegen durch die Luft und berühren wieder den Boden, vielleicht ein wenig wankend, vielleicht fällt die eine oder andere hin. Aber sie landen weich, denn Ingeburg Einofski hatte noch vor kurzem die Hälfte des Geldes für diese neue Matte aus ihrer eigenen Tasche bezahlt. Tatjana Wulfert

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