Berlin : Ingetraud Müller (Geb. 1936)

„Wenn Ihnen meine Einstellung nicht passt, kündigen Sie mir doch.“

Anselm Neft

Marienfelde im Südwesten Berlins vereint ästhetische Gegensätze: ein Industriegebiet inmitten dörflicher Felder. Hier ist Ingetraud aufgewachsen. Als einziges Kind eines Tischlers aus Xanten und seiner polnischstämmigen Frau. Ihren ersten Schultag erlebte Ingetraud allerdings in Ostpreußen. Mit der Mutter war sie aus dem bombardierten Berlin geflohen und kurz vor Kriegsende im Flüchtlingstreck zurückgekehrt. Immer noch fielen die Bomben auf die Rüstungsbetriebe in Marienfelde. Für die Angestellten gab es Luftschutzbunker. Für die Kriegsgefangenen nicht. Heimlich brachte Ingetraud ihnen mit ihrer Mutter Essen. Das zweite Delikt in jungen Jahren. Als Kleinkind hatte sie für den Vater kommunistische Flugblätter verteilt, versteckt in Puppenköpfen, die sie von Tür zu Tür trug.

Den russischen Besatzern gefiel die Kleine mit dem Papierpropeller im Haar. Sie sang und tanzte für sie und lernte russische Worte. Die Eltern fürchteten, Ingetraud würde als Maskottchen mitgenommen. Die Besatzer ließen es aber bei Süßigkeiten und Essen für die Familie bewenden. Ingetraud fiel dennoch einer Sitte der Russen zum Opfer: Sie stürzte in einen offen gelegten, als Müllschacht benutzten Gulli und verletzte sich den Rücken schwer und dauerhaft. Die Mutter sagte: „Hab dich nicht so.“

Ingetraud wollte studieren, wie ihre Freundinnen. Ihre Eltern hielten nichts davon. Ein Arbeiterkind hatte sich nicht zu versteigen. Ingetraud schrieb sich trotzdem ein, bekam von zu Hause keinen Pfennig und arbeitete bei Reichelt als Packerin. Das Geld reichte nicht einmal für die Bücher, und im zweiten Semester war Schluss mit der Geografie. Sie träumte davon, Stewardess zu werden, und erhielt tatsächlich eine Zusage von PanAm. Die Mutter versteckte jedoch den Brief, so dass die Tochter nie zum Arbeitsantritt erschien. Sie wurde schließlich Chefsekretärin. Ihre Lohntüte hatte sie der Mutter abzuliefern, die ihr ein Taschengeld auszahlte.

Ihren Mann lernte Ingetraud beim Tanzen in den Stadionterrassen kennen. Das war 1959, 1962 wurde geheiratet. Im Scherz sagte Ingetraud, sie bekäme gerne genug Kinder für eine Fußballmannschaft, die Namen in alphabetischer Reihe. Es blieb bei den Söhnen Andreas und Bernd.

„Die Hausfrau auf- und niederwischt, sie wischt für nischt und wieder nischt“, besang Ingetraud ihren neuen Status und arbeitete bald wieder aushäusig: als Schul-Sekretärin und nebenbei als Reiseleiterin. Als sie sich bei Klaus Wowereit, damals Schul- und Stadtrat in Tempelhof, über die Missstände an der Schule beschwerte, endete sie theatralisch: „Wenn Ihnen meine Einstellung nicht passt, kündigen Sie mir doch.“ Wowereit kündigte ihr nicht, sondern legte Ingetraud nah, in die SPD einzutreten. Sie lehnte ab.

Ihr Mann war froh, als das Lotterleben der Reisereien schließlich ein Ende hatte, allerdings fand Ingetraud schnell ein neues Betätigungsfeld. Es war Anfang der Achtziger, als sie auf dem Weg zur Arbeit Männer in Schutzanzügen Pestizide versprühen sah. Sie mobilisierte einen Protest und tatsächlich: Die Baumschule musste das Giftspritzen einstellen. Das war der Beginn der Bürgerinitiative „Rettet die Marienfelder Feldmark“. Sie erreichte, dass aus der Feldmark keine Industriereserve wurde, dass sich die Firma Interglas stärkeren Kontrollen unterwerfen musste und dass eine Klärschlammanlage nicht gebaut wurde.

Im Oktober 2007 wurde bei Ingetraud der Brustkrebs diagnostiziert. Anzeichen hatte es früher gegeben, aber sie nahm sich keine Zeit für Arztbesuche. Nach der Operation saß der Krebs in der Bauchspeicheldrüse. Die letzten acht Wochen verbrachte Ingetraud im Hospiz am Wannsee. Abends sah sie die Grablichter vor den Türen der gerade Gestorbenen und bekam Angst. Sie wollte nicht sterben.

Viele kamen zur Trauerfeier in Lichtenrade. Begraben ist Ingetraud allerdings in Großbeuthen, wo ihre Kinder und Enkel wohnen. Auf die Marienfelder Feldmark wird ihre Bürgerinitiative einen Baum für sie pflanzen.Anselm Neft

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