Berlin : Ingrid Bauhoff (Geb. 1949)

Wie weit muss man gehen auf dem Weg zu sich selbst?

Thomas Loy

Ein Stillleben aus der DDR: Das Wohnzimmer einer Dreiraumwohnung in der Pekrunstraße, Marzahn. Über dem Sofa eine Allee junger Birken in Öl. Die Troddeln eines Lampenschirms ragen von oben in den Bildausschnitt. Ganz links sind Blumen zu erkennen. Die Eheleute Ingrid und Reimar sitzen an den Sofaenden, jeweils ein Sohn an ihrer Seite. Ihre Gesichter sind bronzefarben, weich, ohne Anspannung. Eine Musterfamilie.

Wer sich auf dem Sofa fehl am Platz fühlt, gibt sich noch nicht zu erkennen. Möglicherweise ist sich die betreffende Person ihres Unbehagens noch gar nicht bewusst. Es braucht einen Anstoß, eine veränderte Gesamtlage, die Gefühle bestärkt und Entscheidungen fordert. Es braucht einen Katalysator.

Die Wende ist sowas. Ingrid verliert ihre Arbeitsstelle bei der „Inex“, einer Exportfirma für Industrieanlagen. Dort hat sie als Maschinenbau-Ingenieurin große Projekte geleitet. Nach der Inex-Abwicklung hätte sie über die Treuhand schimpfen können, die arroganten Kahlschlagsanierer aus dem Westen, aber Ingrid sagt: „Ich will die Wende, total.“ Sie verlässt ihr altes Leben und ihren Ehemann, sucht nach einer neuen Aufgabe, macht Fortbildungen, kümmert sich um ihre beiden Söhne. Sie hat viel Kraft, Mut, Humor und die seltene Gabe, Menschen mitzureißen.

Ein Vertreter besucht sie in ihrer neuen Wohnung in Hohenschönhausen. Er möchte Versicherungen verkaufen, lässt sich aber gerne über Privates ins Gespräch ziehen, weil er weiß, dass es anders nicht geht mit den teuren Policen. Ingrid erfährt, dass der Vertreter in seiner Jugend Akkordeon gespielt hat, wie sie. Eine tolle Gelegenheit, das alte Instrument aus dem Keller zu holen. Der Vertreter wehrt sich zaghaft, da läuft Ingrid schon treppabwärts. Der Abend wird mit viel Musik, Gesang und Wein fortgesetzt. Für den Vertrieb von Versicherungen ist die Stimmung verdorben.

Ingrid liebt es, ihre Freunde und Kinder und deren Freunde spontan zusammenzurufen, um baden zu fahren, ins Konzert zu gehen oder eine neue Kreation aus ihrer Küche zu probieren. Sie kocht indisch-asiatisch, mit scharfen Gewürzen. Sie schneidet auch Ingwerbonbons zur Verfeinerung in den Soßentopf. Wenn sie wirbelt, klackert es. Ingrid trägt seit jeher hochhackige Schuhe, und weil Sehnen und Gelenke ihren Widerstand längst aufgegeben haben, kann sie auch im Haus nicht mehr ohne.

Die Schuhe sind wichtig wegen der Mode, für die sich Ingrid interessiert. Dieses unermüdliche Suchen nach dem perfekten Gesamtbild von Körper und Kleidung. Ingrid kauft auch ihren Söhnen Modisches, als die längst erwachsen sind und vorsichtig bitten, die Auswahl doch ihnen zu überlassen. „Aber Robbi, das ist doch deine Farbe!“

Ihrer Begeisterung Zügel anlegen, das vermochte eigentlich niemand. Ernsthafte Versuche hätten sie wohl auch gekränkt. Sie wollte glücklich machen und teilhaben am Glück anderer. Ihre Zukunft als ältere Frau stellte sie sich in einer Villa Kunterbunt vor, sie als Pippi, stark, unternehmungslustig und verlässlich unkonventionell.

Sie wird selbst nebenberuflich Vertreterin. Zuerst für „Vision Travel“, eine Reisevermittlung, dann für „Weekenders“, einen Modedirektvertrieb, anschließend für „For ever living products“, den angeblich „größten Hersteller und Vertreiber von Aloe Vera“. Verkauft sich eine Produktlinie nicht so gut, sattelt sie um auf eine andere. Ingrid würde eine gewisse Erfolglosigkeit nie als Niederlage empfinden. Manche ihrer alten Freunde, die sie schon als unkomplizierte Maschinenbaustudentin kannten, verstehen nicht, warum sie so weit gehen muss auf dem – so ihre eigenen Worte – Weg zu sich selbst. Früher war die Ingrid einfach ein netter, unkomplizierter, geradeaus denkender Mensch. War sie damals eine andere?

Noch früher, in Zerbst, hinterm Tresen in der Gaststätte ihrer Eltern, wusste Ingrid vor allem, dass sie es nicht so machen wollte wie andere, die gleich nach der Schule Kinder bekamen und dann zusahen, wie ihre Träume zerplatzten. Sie wollte frei sein, etwas von der Welt sehen, auf eigenen Beinen stehen.

Berlin war Herausforderung und Versprechen. Tanzen in „Clärchens Ballhaus“ oder in der „Hafenbar“. Mittwochs zum Stammtisch in die „Offenbach-Stuben“. Dort verkehrten die Künstler, auch die von der Ballettschule, an der Reimar unterrichtete. So lernten sie sich kennen, zogen in eine Einraumwohnung, Parterre, mit fließend kaltem Wasser. 1975, am Welttheatertag, haben sie geheiratet.

Reimar blieb nach dem Ende der Ehe ein guter Freund. Er kam zu Festen und fuhr mit in den Urlaub. Ingrid suchte weiter nach der großen Liebe, die sie einst in Reimar vermutet hatte.

Vor einigen Jahren glaubt sie sich endlich am Ziel. Bei einem, der ihr Rosen aufs Auto legt und Gedichte voller Poesie verfasst. Dass die Gedichte aus dem Internet kopiert sind, will sie nicht bemerken. Die große Liebe ist – von außen besehen – einer, der sich hängen lässt, keine Arbeit hat und seine Miete nicht zahlen kann. Sie hilft aus mit Geld, Tatkraft und Ideen. Es dauert lange, bis ihre Liebe sich aufgezehrt hat. Es bleiben: das Mitleid und die Angst vor dem Alleinsein. Ingrid, die immer stark war und konsequent, weiß sich nicht zu helfen, will sich aber auch nicht helfen lassen.

Es ist der Abend, an dem sie ihm erzählt, dass sie fortgeht, für ein paar Wochen nach Südtirol – und wohl für immer aus seinem Leben. Das Auto steht bereit, die Koffer sind gepackt. Die Söhne wollen noch in der Nacht die Schlösser ihrer Wohnung auswechseln, damit er nicht mehr betteln, bezirzen und bedrohen kann. Sie finden zwei Tote und eine Pistole in seiner Hand. Thomas Loy

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