Berlin : Ingrid Broistedt (Geb. 1931)

Sie war die Herrscherin des Wintergartens

von

Wollen Sie speisen?“ Kaum hatte sie die Frage ausgesprochen, war die Leibesvisitation auch schon beendet und über Wohl und Wehe des Gastes entschieden. Wohl, das hieß im Olymp sich niedersetzen, genauer im Wintergarten des Literaturhauses in der Fasanenstraße, mit schönstem Blick in den Garten, Wehe, das hieß in die hinteren Ränge verbannt zu werden, dort, wo die anderen bedienten.

Speisen wiederum bedeutete in Inges Augen kein diätisches Verkosten eines fettlosen Süppchens, sondern die geordnete Abfolge von Vorspeise, Hauptgericht und Dessert, nebst mundigem Wein.

Wer sich dem nicht fügte, war in ihren Augen kein Gast und hatte das Recht verwirkt am Tisch 34 zu sitzen, dem besten Tisch des Wintergartens, den sie stundenlang blockieren konnte, wenn sie Stammgäste erwartete. Des Weiteren hatte der Gast das Essen wie den Wein zu loben, sich manierlich zu benehmen, ein ordentliches Trinkgeld zu geben und, das war das Entscheidende: gut auszusehen.

Ein gepflegter Mensch war in ihren Augen immer auch ein guter Mensch.

Sie selbst war ja auch stets adrett, Broschen trug sie gern, glitzernde Ringe, Tücher.

Über 20 Jahre war Inge die Herrscherin des Wintergartens. Erst fünf, dann vier, dann drei Tage die Woche. Meist war sie zwanzig Minuten vorher da, plauderte mit den Kollegen, und wenn sie ging, spät am Abend, sah sie noch mal nach dem Rechten.

Allein ging sie nie nach Hause, sie ließ sich abholen, oder vom Taxi fahren. Inge war ein ängstlicher Mensch. Das mochte herrühren von den Bombennächten in Braunschweig, da war sie stets die Erste auf dem Weg in den Bunker. Noch als Erwachsene fürchtete sie das Donnergrollen der Gewitter.

Inge war früh auf sich allein gestellt, arbeitete schon mit 17 in einer Konservenfabrik, verlor vier Finger an einer Stanze. Dann wechselte sie in die Gastronomie. Sie war sehr hübsch, groß, schlank, aber Glück in der Liebe hatte sie nicht.

Ihr erstes Kind gab sie zur Adoption frei, aber darüber sprach sie nie. Dann traf sie ihren Traumprinzen, schön anzusehen, aber unstet im Wesen.

Vier Kinder brachte sie zur Welt, eins davon in der Badewanne, in der zuvor sieben Welpen entbunden worden waren. Ihr Mann verdiente sein Geld mit einem Hundesalon.

Von Ärzten hielt Inge nie viel. Wenn es etwas zu therapieren gab, dann therapierte sie sich selbst. Und wenn der Backenzahn schmerzte, dann zog sie ihn eigenhändig.

Inge arbeitete in einer Nachtbar in Braunschweig, dann in Köln, dann wieder Braunschweig, dann Berlin. Sie war die Erfolgreiche, die Mutter für alle, damit kam ihr Mann nicht zurecht. Er fing an zu trinken, und wenn er betrunken war, schlug er sie und die Kinder. Dennoch hielt sie zu ihm bis zuletzt. Sie zogen auseinander, lebten getrennt, fanden wieder zueinander, und ließen sich dann doch scheiden. Aber selbst danach hat sie jeden Tag mit ihm telefoniert. Bis zum letzten Tag sorgte sie sich um ihn, brachte Essenstüten vorbei und ließ sich zusammenstauchen, wenn sie in seinen Augen das Falsche eingekauft hatte.

In den letzten Jahren hatte sie mehr Glück in der Liebe, sie fand einen jüngeren Lebensgefährten, dem sie, so gut es ging, ihr wahres Alter verheimlichte, zum Spaß aller.

Sie wurde häuslicher, aber ihre guten alten Gewohnheiten behielt sie bei. Bis in die frühen Morgenstunden zog sie nach der Arbeit um die Häuser, trank in steter Abfolge Pils um Pils, in späteren Jahren das verträglichere Dunkelbier. Und je mehr Bier sie trank, desto vornehmer wurde sie. 14 Biere, sie sagte „Bierchen“, konnten es schon mal werden, aber ihr war nie etwas anzusehen.

Ihr Leben war die Arbeit, bis zuletzt, selbst als ihr Ruhepuls schon bei 150 lag. Sie zeigte keine Schwäche, wollte keine zeigen.

„Inge, du fällst noch mal mit ’nem Tablett um!“

Am Mittwoch hatte sie noch gearbeitet. Sonntag starb sie an einem Schlaganfall. Vielleicht hätte sie mit Medikamenten ihr Leben einige Jahre verlängern können, aber das wäre nicht mehr ihr Leben gewesen. Gregor Eisenhauer

» Mehr lesen? Jetzt kostenfrei E-Paper testen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben