Berlin : Ingrid Kaufmann (Geb. 1940)

Sie machte die Jungs wahnsinnig, denn mehr als Küsse bekamen sie nicht

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Dieser Himmel, noch nie hatte sie so viele Sterne gesehen. Da oben funkelte es, wie an einem prächtig geschmückten Christbaum. Und mittendrin in dieser Pracht entdeckte Ingrid Kaufmann jene vier hellen Sterne, die das Kreuz des Südens bilden. Was konnte es Schöneres geben?

Die Seefahrer des 16. Jahrhunderts sahen in diesem kleinsten der Sternzeichen das Gotteskreuz. Ingrid glaubte auch an Gott, aber nicht an den der Kirchen mit ihren Vorschriften und Beschränkungen. Sie hatte ihre eigene Vorstellung von einem Gott, an den sie sich wendete, wenn sie schwierige Entscheidungen treffen musste. „In ihm sei’s begonnen, der Monde und Sonnen an blauen Gezelten des Himmels bewegt. Du, Vater, du rate! Lenke du und wende! Herr, dir in die Hände sei Anfang und Ende, sei alles gelegt!“ So betete sie leise in sich hinein, grüblerisch und schließlich war sie da, die Entscheidung. Ihre Entscheidung.

Da oben das Glitzern also, doch unten war es düster, mitten in der südafrikanischen Halbwüste, trocken, staubig, 500 Kilometer von Kapstadt entfernt. Es war Weihnachten 1964, neben ihr stand ihr Mann, frischvermählt die beiden, und sie begannen ihre erste gemeinsame Arbeitsnacht am Teleskop.

Wieder ein Weihnachten, diesmal im Jahr 1948, diesmal im Riesengebirge, Tschechien, dem Ort ihrer frühen Kindheit. Ingrid sitzt in der Wohnstube und ist traurig. Dieses Jahr ist sie nicht mit dem Großvater in den Wald gestapft, um den größten, schönsten Baum zu schlagen. Dieses Jahr riecht es nicht nach Keksen und Tannennadeln. Kein Schmuck, keine alten Puppen in neuen Kleidern. Stattdessen stehen da schwere Holzkisten, ein Laster fährt vor, Möbel werden aufgeladen, Mutter, Bruder, Großeltern kommen mit hinein. Es geht nach Deutschland, nach Göttingen. Der fremde Vater, aus der Kriegsgefangenschaft zurückgekehrt, wartet an der Grenze. Die Sudetendeutschen verlassen ihre Heimat.

Mit 13 sah sie das Meer. Es war Liebe und Sehnsucht, die Weite, der Wind, die Größe, das sollte sie nie mehr loslassen. „Da fühlte ich mich reingewaschen von allen Zweifeln der Pubertät.“ Sie hatte es nicht leicht mit ihrer Mutter. Als sie an einem Abend mit einem Tuch um den Hals nach Hause kam, riss es die Mutter herunter und entdeckte die Knutschflecke, und es gab einen Riesenärger. Was sollten die Leute denken?

Ihre Mutter wollte, dass die Dinge blieben, wie sie waren, Ingrid wollte leben. Als die Mutter mit 47 starb, konnte Ingrid keine Trauer empfinden. Sie versuchte es, so sollte es doch sein, doch da war nichts. Sie fühlte sich schuldig, und aus irgendeinem Grund war Ingrid sich sicher, ebenfalls mit 47 sterben zu müssen.

Doch noch war es nicht soweit, noch flirtete sie, noch liebte sie das Spiel mit dem Unbekannten, der Annäherung, und sie machte die Jungs damit wahnsinnig, denn mehr als Küsse bekamen sie nicht. Der erste Freund spielte Klarinette, war zwei Jahre älter. Sie blieben zusammen bis sie 24 war. Doch sie wollte Heirat, Kinder, Mutter sein, ein tiefer Wunsch. Da sagte er zu ihr: „Wir benehmen uns jetzt schon wie ein altes Ehepaar. Das wird nichts. Ich kann ja später noch heiraten. Aber du brauchst jetzt jemand Vernünftigen.“

Das war Jens-Peter. Ein Astronom, das Gegenteil von ihr. Schüchtern, ruhig, zurückhaltend. Sie liebte die Leute um sich. Er nicht. Sie brauchte Spannung. Er nicht. Sie war froh. Er litt an Traurigkeit. Doch etwas zog sie an, und dann fragte er sie, ob sie ihn heiraten und mit ihm für ein Jahr nach Südafrika gehen würde, Sterne beobachten in einer Forschungsstation. Ingrid sagte „Ja“, von ganzem Herzen.

Zurück in Berlin bekamen sie einen Sohn und noch einen, und Ingrid liebte die beiden, kümmerte sich, fuhr mit auf Klassenfahrt, was dem Sohn eher peinlich war. Nach ihrer ersten kaufmännischen Ausbildung wurde sie Erzieherin. Abends im Bett las sie, lernte und absolvierte die Prüfungen dann mit Bravour. Ihre Arbeit im Kindergarten plante sie detailliert, bereitete jeden Tag mit den Kindern vor. So sah ihr Glück aus. Sie stand unter Strom, volle Pulle Leben, drei Packungen Zigaretten am Tag. Und mit 47 kam der schwere Schlaganfall.

Sie überlebte ihn, entgegen ihrer Prophezeiung. Doch mit ihrer Arbeit war es vorbei. So wurde sie Krankenhaus-Patin, besuchte Kinder, die sonst niemanden hatten. Auch dafür bereitete sie sich jeden Abend vor. Einen Jungen, der mit offenem Rücken zur Welt gekommen war, begleitete sie acht Jahre lang.

20, 30 Jahre, immer wieder fragt sie sich, ob ihr Mann der Richtige für sie ist. Und mit den Zweifeln wächst die Liebe, die Vertrautheit. Was nie leidenschaftlich war, wird eine Lebenspartnerschaft. Als sie zum Pflegefall wird, als er sich um sie kümmert, sie zu Bett und auf die Toilette bringt, findet sie das schrecklich, doch sie weiß auch, dass er es aus tiefer Zuneigung tut. Als sie zu Hause einschläft und nicht mehr aufwacht, als sich alle verabschiedet haben, die Söhne, die Enkelkinder, nimmt ihr Mann ihre Urne und fährt mit dem Schiff auf die Ostsee hinaus.

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