Berlin : Ingried Schaefer (Geb. 1941)

„Es gibt keinen Spielplatz in der Nähe? Das müssen wir ändern!“

Candida Splett

Die Steinpilze für die Waldpilzcremesuppe kamen mit UPS aus dem Oberpfälzer Wald. Ingrieds Mann Rudi hatte sie gepflückt. Seit Jahren kochte sie die Suppe; 2004 bekam sie dafür den Suppenköniginnen-Titel bei derKreuzberger „Fête de la soupe“. Sie freute sich – auch wenn damit nur ein winziger Ausschnitt ihres Tuns gekrönt wurde.

Die Flucht vor der Roten Armee hatte sowohl Rudis als auch Ingrieds Familie ins bayerische Amberg geführt. Mit 15 verliebten sie sich ineinander, gingen später nach Berlin und heirateten. Er arbeitete auf dem Bau und sie studierte bis zur Geburt der Tochter Frauke Germanistik. 1969 gründete sie in der Wexstraße einen der ersten Kinderläden Berlins. Sie war autoritär erzogen worden; ihren Kindern sollte es anders gehen. Also wurde sie Erzieherin im Kinderladen ihrer beiden Töchter, begegnete den Kindern mit Respekt und Ideenreichtum und ärgerte sich maßlos über das endlose Gerede bei den Elternabenden.„Es gibt keinen Spielplatz in der Nähe? Das müssen wir ändern!“ So entstand der„Rias-Spielplatz“ im Volkspark Wilmersdorf.

Und die Familie wuchs. Zuerst bekam Frauke zum Geburtstag zwei Hühner geschenkt, Berta und Clara, die über die Balkon-Geranien hinweg den Müllmännern bei der Arbeit zuschauten. Dann brachten Nachbarn ein Entenküken, das aus dem Nest gefallen war. So ging es weiter. Schließlich lebten Vögel, Meerschweinchen, Schildkröten, Hühner, Papageien und Hasen in der Dreizimmerwohnung. Da lag es nah, über ein Leben auf dem Land nachzudenken.

Rudi und Ingried kauften ein 500 Jahre altes Bauernhaus unweit von Amberg und machten daraus ein Landhotel mit 25 Zimmern: Da war der„Adlerhorst“, in dem man vom Hochbett unterm Dach auf den Wald sah, der„Schmetterlingshain“ mit sonnengelben Wänden und dunkelblauen Vorhängen mit Schmetterlingen drauf. Außerdem gab es 160 Tiere. Selbstverständlich war die Berliner Gesellschaft größer geworden. Es kam ein wildes Pferd dazu, bald Schafe und ein Bernhardiner, dann bekamen die Tiere Junge und so fort. Einige Gäste gründeten den Verein „Freunde des Schäferhofs“, in den nur aufgenommen wurde, wer mindestens viermal im Jahr zu Besuch kam. Mit vielen von ihnen war Ingried noch befreundet, als sie längst wieder in Berlin lebte. Ebenso mit ihren Schulfreunden oder denen ihrer Töchter. Es war einfach, mit ihr in Kontakt zu bleiben, denn sie liebte es, in Gesellschaft zu sein, stieg neugierig in jedes Thema ein und kochte nachts um drei eine Suppe, wenn jemand Trost brauchte.

Anfang der neunziger Jahre ging sie allein nach Berlin zurück, doch blieben Rudi und sie einander zeitlebens verbunden. Einige Jahre arbeitete sie in der Altenpflege, konnte aber bald nur noch schlecht laufen.Für den Ruhestand war ihr Geist jedoch zu rege. Im Neuköllner Gemeinschaftshaus Morusstraße 14 engagierte sie sich ehrenamtlich. Beim ersten „Mieter kochen für Mieter“ bereitete sie mit ihrer Tochter die legendäre Waldpilzcremesuppe, dazu Sauerbraten in Honigburgundersoße mit Brez’n, Knödeln und Apfelrotkohl.

Bei den Kochveranstaltungen lernen sich bis heute die Rollbergkiez-Bewohner aus den unterschiedlichsten Ländern kennen. Wer ein gutes Rezept kennt, darf kochen,sich den Gästen vorstellen und etwas darbieten. Ingried stand als gastronomische Beraterin zur Verfügung. Auch Polizisten, die sonst den Kiez bewachen, haben hier gekocht; ebenso der Neuköllner Bürgermeister Heinz Buschkowsky, Fernsehmoderator Alfred Biolek und Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit. Als Tischdame machte sie was her mit ihren modischen Kostümen und dem bunten Schmuck. Das Gemeinschaftshaus war in den letzten sieben Jahren, neben dem geliebten Schrebergarten, ihr Zuhause. Hier kam sie regelmäßig her, wenn nötig mit der letzten Kraft.

Am Sterbebett halfen ihr Rudi und die Töchter die Treppe hoch in den Himmel. Sie wollte alles von oben sehen und fliegen. Sie versprachen ihr, sich umeinander zu kümmern, wenn nötig auch Suppe zu kochen, nachts um drei. Sie konnte dann hochgehen, Stufe für Stufe, und loslassen.Candida Splett

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