Initiative : Respekt statt Gewalt

"Waffe hoch, Handy abgezogen": Allein in Kreuzberg sind im letzten Jahr nach Polizeiangaben etwa 350 Raubtaten begangen worden. Der deutsch-türkische Komiker und Ex-Polizist Murat Topal sprach mit Kreuzberger Hauptschülern.

Ute Zauft
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Stopp Tokat! Murat Topal besuchte die Friedrich-Ludwig-John-Schule für die Initiative Polizei gegen Straßenraub. Tokat ist...Foto: Mike Wolff

„Ich bin Türke, und ich war Polizist. Das geht beides.“ Murat Topal steht breitbeinig in der Aula der Friedrich-Ludwig- Jahn-Schule in Kreuzberg. Wenn er seine Worte mit gespreizten Fingern unterstreicht, fällt die große silberne Uhr an seinem Handgelenk auf. Heute schiebt Topal keinen Dienst als Schutzpolizist mehr, sondern tritt als Komiker im Fernsehen auf und tourt durch Deutschland. Mit rund 80 Schülern der Kreuzberger Hauptschule sprach er gestern über Respekt – und sie hörten ihm zu.

„Stopp Tokat!“ heißt eine Initiative der Kreuzberger Polizei, bei der sie mit Promis in die Schulen geht. „Tokat“ heißt auf Türkisch eigentlich Ohrfeige, wird aber auch für „abziehen“ gebraucht, also den Straßenraub von Jacken, Geld oder Handys. Einer der Jungs in der Aula macht es vor: „Waffe hoch, Handy abgezogen.“ Er formt die Hand zur Pistole und richtet sie von schräg oben auf die Polizistin, die neben ihrem deutsch-türkischen Ex-Kollegen steht.

Allein in Kreuzberg 36 seien im vergangenen Jahr etwa 350 Raubtaten begangen worden, in einem vergleichbaren Areal wie Jena waren es gerade mal 40, sagt der Leiter des entsprechenden Polizeiabschnitts Gary Menzel. Er erklärt das damit, dass die Jugendlichen gegenüber schweren Straftaten immer gleichgültiger werden. Zudem gelte Abziehen auch als eine Art, sich Respekt zu verschafften. Menzel will mit seinen Polizisten an alle Kreuzberger Schulen gehen.

Ex-Polizist Topal fragt, ob jemand schon Erfahrungen mit Raubtaten gemacht habe. Einige melden sich, einer steht auf und erzählt, wie sie zu sechst ein paar Jungs ihr Geld abgenommen haben. Bevor er spricht, baut er sich auf: Schultern nach hinten, Arme leicht angewinkelt. „Du bist ein ganz cooler Straßenkämpfer, was?“, zieht Topal ihn auf. „Denk doch mal an die Opfer“, sagt eine Schülerin von hinten, erst leise, dann auf Aufforderung Topals noch einmal lauter. Ein anderer will wissen, ob man Polizist werden kann, wenn man eine Straftat begangen hat. „Was glaubst du, was die Aufgabe eines Polizisten ist?“, fragt Topal scharf zurück. Entschuldigungen wie „da hatte ich die falschen Freunde“ ziehen bei ihm nicht: „Jeder ist für sich selbst verantwortlich.“ Auch wenn es zu Hause nicht gut laufe, der Vater einen schlage, sei das kein Grund, sondern im Gegenteil ein guter Grund, es anders zu machen. „Ich bin selbst im Neuköllner Ghetto aufgewachsen, aber ich habe es geschafft. Ihr könnt es auch schaffen!“

Die Polizisten wollen klarmachen, dass Raub eine schwere Straftat ist. „Einmal fürs Abziehen verurteilt, kann man am Flughafen Schönefeld nicht mal mehr einen Job als Kloputzer bekommen“, erklärt Polizeidirektor Menzel. Der 15-jährige Dalibor erzählt später, dass er früher auch „viele krasse Sachen“ gemacht habe. Dann drohte seinen Eltern die Abschiebung. Das war für ihn der Anlass, sich zusammenzureißen. Heute will er Kfz- Mechaniker werden, träumt von Familie und Wohnung. Trotzdem genießt er Respekt bei den anderen, das merkt man. Er war es, der mit Topal am lautesten darüber diskutierte, warum manche auf die falsche Bahn geraten.

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