Initiative Schutzengel : Jugendliche beugen Unfällen nach Drogenkonsum vor

Sie bilden Fahrgemeinschaften, nehmen auch mal einen Schlüssel ab: Die Initiative Schutzengel wirkt auf junge Fahrer ein - Jugendliche verhindern Unfälle nach Drogenkonsum.

Jessica Tomala
Schutzengel. Angelika Goldlust, Detlef Barteit und Nicole Bugenhagen.
Schutzengel. Angelika Goldlust, Detlef Barteit und Nicole Bugenhagen.Foto: Georg Moritz

Wenn jemand Alkohol getrunken habe und dann noch fahren wolle, steige sie nicht in das Auto ein, sagt Nicole Bugenhagen: „Ganz einfach. Da gibt es keine Ausnahme.“ Die 25-Jährige macht eine Ausbildung zur Erzieherin und ist seit April ein „Berliner Schutzengel“. Seit 2004 gibt es die Ehrenamtlichen-Aktion in großen Teilen Deutschlands, seit dem vorigen Jahr auch in Berlin und Brandenburg – und sie beugt Unfällen junger Fahrer mit schwerwiegenden Folgen vor.

Die Ehrenamtlichen wirken im Freundes- und Familienkreis

Größter Unterstützer ist der ADAC Niedersachsen. „Ihren Ursprung haben die Schutzengel in den nordischen Ländern“, sagt Angelika Goldlust, Initiatorin des Projekts in Berlin. Die Freiwilligen sind im Freundes-, Familien- und Bekanntenkreis aktiv, sie organisieren zum Beispiel Fahrgemeinschaften. „Wir machen das, bevor wir auf eine Party gehen, damit auf jeden Fall eine Person dabei ist, die nicht trinkt und uns sicher nach Hause bringt“, sagt Bugenhagen. Notfalls nehmen sie den Fahrern auf freundliche Weise die Autoschlüssel ab. Zielgruppe sind 16- bis 24-Jährige. Eine Besonderheit in Berlin sei, dass auch ältere Freiwillige bis hin zu einer 91-jährigen Großmutter mitmachten, sagt Goldlust. Ein weiterer Unterschied sei, dass die evangelischen Landeskirche das Projekt unterstützt. „Da ich die Aktion am Anfang ganz allein aufgezogen habe, fühlte ich mich so eingebettet in eine große Gemeinschaft“, sagt die gelernte Bankkauffrau.

In Berlin machen viele junge Männer mit

Neben den Jugendlichen sind in Berlin auch viele Motorradfahrer Schutzengel, etwa Mitglieder der Gruppe „Christ und Motorrad“, die jedes Jahr eine Mahn- und Gedenkfahrt veranstalten. „Auch da haben wir unsere Aktion vorgestellt. Viele Motorradfahrer waren begeistert und traten bei“, sagt Goldlust. Bernd Schade, Motorrad-Pfarrer in Berlin und Brandenburg, segnete die Schutzengel in der Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche für ihre Aufgabe. Die Initiatorin freut sich darüber, dass ebenso viele Jungen wie Mädchen Schutzengel werden. „Deutschlandweit beteiligen sich dagegen überwiegend Mädchen.“ Als sie die Aktion zum ersten Mal in einer Fachhochschule vorstellte, meldeten sich zehn Jungen und zwei Mädchen an.

Manche haben selbst Angehörige bei Unfällen verloren

„Wir präsentieren unsere Aktion oft in Schulen, aber auch bei Veranstaltungen“, sagt Detlef Barteit, Drummer der Band „Stiff“ und Unterstützer der Aktion. Diese ist auch bei Facebook präsent, mehr als 600 Angehörige des sozialen Netzwerks haben sich als „Freunde“ eingetragen. Ehrenamtliche erhalten nach der Anmeldung einmalig Post mit ihrem Schutzengelausweis. Kosten entstehen nicht. Mit dem Ausweis erhalten die Jugendlichen auch Vergünstigungen. So wird ihnen gratis ein privates Bewerbungstraining angeboten. Die Gründe für die Teilnahme sind sehr unterschiedlich. „Ich habe im Freundeskreis schon mal jemanden durch Alkohol am Steuer verloren. Das war sehr schmerzhaft. Und als ich Frau Goldlust kennenlernte, war klar, dass ich mitmache“, sagt Nicole Bugenhagen. Einige Engel haben auch selbst Alkoholprobleme und wollen sich mit dem Versprechen, nicht zu fahren, schützen. „Wir stehen nicht dafür, dass die Jugendlichen gar keinen Alkohol trinken. Aber wenn sie am Verkehr teilnehmen, sollten sie die Finger von Alkohol und Drogen lassen“, sagt Goldlust, die in Berlin auch unter dem Künstlernamen „Primel Paula“ Improvisationstheater macht. Aufgebaut sei die Aktion auf sozialem Denken und Eigenverantwortung.

Mehr als 16000 junge Verkehrsteilnehmer verunglückten 2011 auf Berlins Straßen

In Berlin sind die Zahlen junger Erwachsener, die an einem Verkehrsunfall beteiligt sind, seit Jahren rückläufig – aber es sollen noch weit weniger werden. 2001 waren noch 28 024 junge Erwachsene im Alter von 18 bis 24 Jahren in Unfälle verwickelt, zehn Jahre später waren es noch 16 093. Laut der Verkehrsopferbilanz der Polizei wurden im vorigen Jahr 200 Unfälle unter Alkoholeinfluss verursacht. Die Hauptunfallursache bei jungen Erwachsenen ist jedoch der ungenügende Sicherheitsabstand. Die Zahl der bei einem Unfall getöteten Jugendlichen stieg 2011 auf sieben an. „Die falsch eingeschätzten Auswirkungen von Alkohol oder illegalen Drogen auf die Fahrfähigkeit können fatale Folgen haben, auch für andere Verkehrsteilnehmer: rasante Fahrstreifenwechsel, Abbiegen mit hoher Geschwindigkeit oder zu schnelles Fahren “, warnte Polizeivizepräsidentin Margarete Koppers bei einer Bilanz der Verkehrssicherheitslage 2011.

Die in Rheinsberg geborene und in Neukölln aufgewachsene Initiatorin hat viel „Zeit, Kraft, Geld und Herzblut“ in die Aktion gesteckt, die auf Spenden angewiesen ist. Die Schutzengel planen jetzt auch Partys – verantwortungsvoll.

Informationen im Netz:

www.berlinerschutzengel.de

www.ich-bin-dein-schutzengel.de

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