Innensenator Ehrhart Körting : ''Wir sind zu zögerlich im Dialog mit den Muslimen''

Innensenator Körting plädiert für eine multireligiöse Gesellschaft. Die Anerkennung Andersgläubiger baue auch Fundamentalisten Brücken zum Rechtsstaat

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Durch Reden verändern. Ehrhart Körting spricht seit Jahren auch mit Vertretern radikaler Glaubensrichtungen wie etwa Milli Görüs....Foto Thilo Rückeis

Welche Rolle spielt die Religion beim Entstehen von Parallelgesellschaften?



Eine große. Kulturen können sich angleichen, voneinander etwas übernehmen – Religionen bleiben verschieden. Da geht es um Wahrheiten, die über Jahrhunderte ziemlich ungebrochen stehen geblieben sind.

Treibt unsere säkulare Gesellschaft Menschen mit starken religiösen Überzeugungen in die Isolation?

Ich würde es umgekehrt sagen: Unsere bundesrepublikanische Gesellschaft ist zwar von ihrer Herkunft her in der Religion verwurzelt, bis hin zu den Kommunisten, weil auch Marx ohne das Solidaritätsmodell der Christen nicht existiert hätte, aber die Bindung an die Religion als für mich selbstverpflichtende Wahrheit ist in der Bundesrepublik weitgehend verloren gegangen. Weshalb wir immer wieder darüber reden, ob wir in einem säkularen Zeitalter leben. Aber weltweit beobachtet man, dass wir eher in einem postsäkularen Zeitalter leben.

Deshalb ist es doch gut, dass in einem säkularen Staat religiöse Überzeugungen Privatsache sind.

In Deutschland gibt es durch unsere Zuwanderer wieder mehr Menschen, die neben die rationale Wahrheit ihre Glaubenswahrheit stellen. Wir müssen versuchen, in unserem Staat einen Konsens zu finden, der den rationalen Wahrheiten und den Glaubenswahrheiten gleichermaßen gerecht wird.

Ein Beispiel?

Im Abtreibungsrecht ist das ganz gut gelungen. Der Staat lässt Abtreibung zu. Wenn der einzelne Gläubige sagt: das ist ein Verstoß gegen göttliche Gebote und das macht er deshalb nicht, ist das seine Entscheidung. So kann auch ein Arzt in der Klinik entscheiden. Da hat der Staat nichts reinzureden.

Was aber ist, wenn Leute ihre persönliche über die rationale Wahrheit stellen?

Das dürfen sie ebenso wenig. Wir brauchen gegenseitige Toleranz. Das gilt für religiöse Menschen und für die Nichtreligiösen.

Aber wo schränken wir Säkularen religiös denkende Menschen im Alltag ein?

Wir stellen unsere säkulare Wahrheit als die einzig Richtige dar. Was von religiöser Seite kommt, wird als rückständig, mittelalterlich und potenzieller Verstoß gegen die Wahrheit abgetan. Wir müssen nicht unseren Wertekonsens relativieren – aber die Art, wie wir mit religiösen Menschen diskutieren. Das heißt nicht, dass ich meine persönliche Meinung aufgeben muss. Ich bin zum Beispiel gegen das Tragen von Kopftüchern, weil es zu oft missbraucht wird, um Frauen zu unterdrücken. Aber wenn eine Frau aus religiösen Gründen ein Kopftuch tragen will, muss ich das tolerieren und ihr gegenüber nicht rational begründen, dass religiöse Gründe nicht ziehen.

Wo ist die Grenze dessen, was aus religiösen Gründen erlaubt ist und was nicht?

Die Grenzen sind fließend. Ob sich muslimische Frauen beim gemeinsamen Schwimmen mit Männern verhüllen sollen, wie es auch bei uns im 19. Jahrhundert üblich war, kann ich diskutieren. Aber ich kann es nicht staatlich regeln. Genauso ist es mit dem Kopftuch. Da muss sich der neutrale Staat raushalten.

Hängt es nicht davon ab, ob Frauen das Tuch freiwillig tragen oder gezwungenermaßen?

Der Staat muss sich einmischen, wo religiös geprägtes Verhalten unser Verfassungsgefüge beeinträchtigt. Wenn in der wahhabitischen Auslegung des Korans steht, dass der Mann die Frau züchtigen darf und das heute noch maßgeblich ist, verstößt man gegen unseren Konsens – gegen die Gleichberechtigung von Mann und Frau. Das muss staatlich sanktioniert werden. Aber es ist eben auch Aufgabe des Staates, Toleranz zwischen Religiösen und Nicht-Religiösen herzustellen. Nach meinem Verfassungsverständnis gibt es eben nicht nur die rationale, auf Vernunft gegründete Wahrheit. Wer meint, er hat andere Wahrheiten, als die rationalen, muss auf Augenhöhe mitreden können.

Inwieweit muss der Staat die Religionsgemeinschaften kontrollieren?

Was er finanziert, muss der Staat auch kontrollieren. Der Staat finanziert den Religionsunterricht, auch in Berlin. Deshalb muss er darauf achten, dass die Religion im Unterricht nicht missbraucht wird, um gegen andere Menschen zu hetzen.

Wie ist es, wenn in einer Moschee gepredigt wird, dass Muslime bessere Menschen sind als Christen oder Atheisten?

Wenn in einer religiösen Einrichtung gepredigt wird, Ungläubige seien minderwertig, ist das nicht zulässig. Wenn in einer religiösen Einrichtung gepredigt wird, Gläubige kämen in den Himmel, Ungläubige aber nicht, dann ist das eine Glaubenswahrheit. Schauen Sie sich im Internet die Auftritte der Piusbruderschaft an. Da wird bedauert, dass in einem Land mit mehrheitlich katholischer Bevölkerung andere Religionen gleichberechtigt sind. Das ist ebenso fundamentalistisch und verfassungsfeindlich wie manches, was Islamisten behaupten.

Fühlen Sie sich mit Ihrer Meinung in der SPD isoliert?

Ehrlich gesagt: Das darf mich erst in zweiter Linie interessieren. Ich kann in meiner Partei nur für meine Meinung werben. Der SPD müssen Sie zugute halten, dass es lange Zeiten gab, in denen nicht-religiösen Leuten Verrat an der heiligen Nation vorgeworfen wurde. Der Kampf gegen die Kirchen ist noch nicht so lange her, dass alle Wunden verheilt wären.

In Ihrem Artikel „Die multireligiöse Gesellschaft“ haben Sie in dieser Zeitung geschrieben: „Die Akzeptanz des Religiösen ist auch eine Sicherheitsfrage.“ Warum?

In einer multireligiösen Gesellschaft besteht das Risiko, dass sich die Angehörigen einer Religion radikalisieren, wenn sie sich ausgrenzt fühlen. Das wird dann zur Sicherheitsfrage.

Gilt das für alle Gruppen?


Ich besuche regelmäßig alle muslimischen Gruppierungen in Berlin, die nicht gewaltbereit sind. Auch Milli Görüs. Die sind religiös, glauben an den Gottesstaat und haben in etlichen Bereichen Brüche zu unserer Verfassung. Die Tatsache, dass ich da hingehe, führt in Teilen der Öffentlichkeit zum Aufschrei. Ich halte dort Reden, in denen ich darstelle, dass bestimmte Dinge bei ihnen verändert werden müssen. Wir müssen lernen, mit den Leuten zu reden. Wenn ich den Dialog nicht führe, kann ich nichts verändern.

Aber war nicht der Streit um die Mohammed-Karikaturen ein Beispiel dafür, wie wichtig es ist, für unsere säkulare Freiheit zu kämpfen?

Sicher. Es gibt bei uns keine Alternative zur Veröffentlichung solcher Karikaturen. Das ist unsere Meinungsfreiheit. Aber je weniger ich mit den Betroffenen rede, desto größer ist das Risiko, dass sie sich radikalisieren und nicht verstehen, dass die Meinungsfreiheit zu unseren Grundwerten gehört. Auch Meinungsfreiheit ist für Andersgläubige leichter zu ertragen, wenn sie das Gefühl haben, sie sind gleichberechtigt. Wir sind zu zögerlich in diesem Dialog. Nehmen Sie die Auseinandersetzungen über Moscheebauten. Das ist doch mittlerweile lächerlich! Dass man darüber ernsthaft diskutieren muss, ob hier lebende Muslime Gotteshäuser bauen dürfen, können auch säkulare Menschen nicht mehr nachvollziehen. Oder wenn es heißt: Minarette dürfen nicht höher sein als der Kirchturm. Wir haben nicht verinnerlicht, dass es neben der christlichen Religion noch andere Religionen gibt – und diese den Anspruch haben, aufgenommen zu werden. Darum geht es mir. Ich habe dabei die Überzeugung, dass diese Religionen vieles von ihren Traditionen abstreifen, wenn man sie einbindet. Ich vertraue darauf, dass es wie bei den christlichen Kirchen auch im Islam in der Auseinandersetzung mit der säkularen Welt Bewegung geben wird.

In Ihrem Bücherregal hier stehen Koran- und Bibelausgaben. Sie beschäftigen sich auch mit Religion?

Laufend. Ich verwirre meine Mitarbeiter immer, indem ich ihnen die Losung zum Sonntag vorlese.

Würden Sie die Einführung eines muslimischen Feiertags begrüßen?

Die Anerkennung der muslimischen Feiertage ist für mich Teil eines Integrationsangebotes. Ich würde nicht dafür plädieren muslimische Feiertage auch für die Mehrheitsgesellschaft zu Feiertagen zu machen. Aber das, was wir ohnehin machen, Schülern an muslimischen Feiertagen frei zu geben, sollte im Feiertagsgesetz festgehalten werden und nicht nur in Ausführungsvorschriften der Schule. Das wäre ein Signal.

Das Gespräch führten Claudia Keller und Werner van Bebber.

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