Berlin : Innensenator mit vielen Belastungen

Körting hat weniger Zeit für die Sicherheit

Werner van Bebber

So leicht hat es der Innensenator seinen Kritikern selten gemacht. Ehrhart Körting ist von den Scientologen und ihrem Großprojekt in Charlottenburg kalt erwischt worden. Das gehört zum Unangenehmsten, was einem Politiker passieren kann. Und so staunen sogar diejenigen in der Berliner Politik, die ihm nicht nahestehen. Denn es passte zu diesem Senator nicht, dass er zugeben musste, Entwicklungen nicht mitbekommen zu haben: Körting gehört zu den wenigen Mitgliedern des rot-roten Senats, über die auch CDU-Leute sagen: „Ich mag ihn.“

Konservativer SPD-Mann. Verfassungsjurist. Einer, der erst in Ruhe nachdenkt und dann seine politische Linie erklärt – so nahm man Körting jahrelang wahr. Offen für Neues und für Veränderung, aber rigide, wenn es um die deutschen Grundrechte geht: So überzeugte er im Streit um das Kopftuch im öffentlichen Dienst, so stritt er dafür, dass Abschiebung kein Selbstzweck blieb – dass aber Leute abgeschoben werden sollten, die nach seiner Überzeugung in Berlin nicht angekommen waren. Körting legte sich, wenn er es für geboten hielt – etwa im Streit um das Bleiberecht für alle Mitglieder der Familie Aydin – mit Linken an und bekam Beifall von ungewohnter Seite. Kein Wunder, dass ihm auch Konservative „seine Verdienste“ zubilligen, wie die Befriedung des 1. Mai, der 2006 fast randalefrei verlief.

Vielleicht haben Körtings guter Ruf und seine ironiegestützte Gelassenheit den Regierenden Bürgermeister ermuntert, den 64 Jahre alten Langstreckenpolitiker noch stärker zu belasten. Seit dem Beginn von Rot-Rot II ist Körting auch Sportsenator. Der zusätzliche Job dürfte sich nicht im Händeschütteln und Startschussabfeuern erschöpfen. Sicher: Körting wird glänzen können, wenn die Handball-Weltmeisterschaft läuft, und erst recht bei der Weltmeisterschaft im modernen Fünfkampf im Sommer. Doch macht er nicht den Eindruck, als ob ihm Prominenz viel bedeute. So dürfte der Gewinn des neuen Amtes dessen Risiken kaum aufwiegen. Denn Sportstättensenator ist Körting auch – und Zornablade-Adresse, wenn wieder ein Schwimmbad geschlossen wird.

Darüber hinaus hat er 2007 die Geschäfte der Innenministerkonferenz zu leiten, auch das eine Zusatzaufgabe, die viel Aufmerksamkeit erfordern dürfte. Der mit Angelegenheiten der Verwaltung und des Inneren betraute Staatssekretär Ulrich Freise gilt bei Kennern der Verwaltung als solide, aber unauffällig.

Bis zur Idomeneo-Affäre im vergangenen Herbst hätte niemand bezweifelt, dass der so geräuscharm vorgehende Politiker mit den Zusatzbelastungen zurechtkommt. Doch etwas ist anders geworden, seit Körting die Intendantin der Deutschen Oper, Kirsten Harms, mit einer ziemlich weit hergeholten Terrorwarnung erschreckte – und dann allein ließ. Die Neuenfels-Inszenierung hatte einen Mitarbeiter des Landeskriminalamtes zu der sehr vagen Annahme gebracht, Muslime könnten sich herausgefordert fühlen, weil am Ende der Oper unter anderem der abgeschlagene Kopf des Propheten Mohammed gezeigt wird. Was genau Körting der Opernchefin über die Risiken der Aufführung gesagt hat, ist beider Geheimnis. Doch ahnte er die Dimensionen des Streites nicht, der auf Harms’ Absetzung der Oper folgte. Es ging um Feigheit, um Kunst- und Meinungsfreiheit – und Körting brauchte zwei Tage, bis er in einer gewundenen, sehr verwaltungsdeutschen Erklärung seine Sicht der Ereignisse darstellte. Als habe ihn das Ereignis wirklich kalt erwischt. Da wundert sich sogar der CDU-Innenexperte Frank Henkel, der Körting in kollegialer Gegnerschaft herzlich verbunden ist, über das „Kaliber der Fehleinschätzung“ jetzt, bei Scientology. Ein Gerichtsurteil hat den Berliner Verfassungsschützern die Beobachtung der Scientologen untersagt – und Körting lasse nicht mal prüfen, warum in Berlin unmöglich ist, was in Köln gehe, fragt Henkel. Körting hat am Dienstag angekündigt, dies nachzuholen, gemeinsam mit den Verfassungsschützern vom Bund.

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