Berlin : Ins Rollen gekommen

Pannenfreier Premierentag: Im Hauptbahnhof beginnen sich die Fahrgäste nach den ersten Verwirrungen zurechtzufinden Zoo jetzt ohne Fernverkehr – Die letzten haltenden ICE wurden mit Kranzniederlegungen verabschiedet

Klaus Kurpjuweit

Oh Schreck! Der junge Mann aus dem bayerischen Rosenheim ruft verzweifelt ins Handy: „Ich bin hier am Berliner Hauptbahnhof. Wo ist der denn? Wie geht es jetzt weiter?“ Der Angerufene scheint ihn beruhigen zu können. Der Mann wird ruhiger. Und dann taucht auch noch ein Mitarbeiter der Bahn auf, den er fragen kann.

Ja, die Züge aus Richtung München halten jetzt im neuen Berliner Hauptbahnhof in einer riesigen unterirdischen Halle. Seit gestern. Der junge Mann hat den Premierentag erwischt und nichts davon gewusst. In Berlin sei er schon öfter gewesen, aber immer am Bahnhof Zoo ausgestiegen. Da kenne er sich aus. Und nun habe man ihm im Zug gesagt, der ICE halte nicht mehr im Bahnhof Zoo, sondern im Hauptbahnhof.

Jetzt steht der Mann auf dem Bahnsteig des Hauptbahnhofs und weiß nicht weiter. Er will zum S-Bahnhof Bellevue. Der Mann von der Bahn erklärt ihm, wo die S-Bahn-Züge halten, rund 25 Meter höher auf der Stadtbahn. „Oben bei der S-Bahn ist alles beim Alten“, tröstet der Bahner den Fahrgast, der sich nun auf den Weg ins vertraute Terrain macht.

Andere dagegen laufen fast schon routiniert durch den riesigen Gebäudekomplex mit insgesamt sieben Bahnsteigen auf zwei Ebenen sowie 80 Geschäften und Restaurants dazwischen. „Wenn ich zum ersten Mal in eine fremde Stadt kommen, muss ich mich auch zurechtfinden“, meint Ursula Zipfel aus Rendsburg, die zielgerichtet auf einen der sechs gläsernen Aufzüge zuläuft.

Dort muss sie allerdings erst einmal warten, denn die Aufzüge stoppen derzeit noch fast in jeder Etage. Besucher wollen nach wie vor den Hauptbahnhof nur erkunden und gar nicht Zug fahren. Die Wartezeit kann man gut nutzen, denn wer weiß auf Anhieb schon, was etwa mit dem Hinweis „UG 2“ auf der Informationstafel am Aufzug gemeint sein könnte? Es ist das zweite Untergeschoss, wo man das gesuchte Gleis möglicherweise aber erst erreicht, wenn man vorher im „UG 1“ in einen anderen Aufzug umgestiegen ist.

Noch fällt es vielen nicht leicht, sich in dem Gebäude zurechtzufinden. Doch das wird schon, davon ist Brandenburgs Bahnchef Joachim Trettin überzeugt. Bis sich alle Fahrgäste an die neuen Verbindungen mit der Bahn gewöhnt haben, könnten zwei bis drei Jahre vergehen. Schließlich hat Berlin seit gestern nicht nur einen neuen Hauptbahnhof, sondern mit Südkreuz und Gesundbrunnen auch neue Fern- und mit dem Potsdamer Platz sowie Lichterfelde Ost und Jungfernheide auch zusätzliche Regionalbahnhöfe.

Ein weiterer neuer Regionalbahnhof ist dabei ein ganz alter: Auch der Bahnhof Zoo gehört jetzt in diese Kategorie. Seit gestern halten dort keine Fernzüge mehr – nach 122 Jahren hat Bahnchef Hartmut Mehdorn den Traditionsbahnhof vom Fernbahnnetz abgekoppelt – gegen zum Teil heftigen Widerstand aus den westlichen Bezirken. Morgen findet um 18.30 Uhr eine weitere Protestkundgebung auf dem Breitscheidplatz statt.

Die ehemalige Pastorin Helga Frisch hat nach ihren Angaben 112 000 Unterschriften für den weiteren Halt von Fernzügen im Bahnhof Zoo gesammelt. Zusammen mit der Bezirksbürgermeisterin Monika Thiemen (SPD) begleitet sie in der Nacht zu Sonntag von 22 Uhr an jeden eintreffenden ICE mit einem Kranz, den sie dann an der Fahrplantafel niederlegen.

Fast gleichzeitig mit dem letzten ICE-Halt im Bahnhof Zoo fährt im Hauptbahnhof der erste reguläre Zug ab – nach Eberswalde. Alles geht glatt; wie auch später fast am gesamten Premierentag. Probleme mit Anzeigen und Durchsagen gehören wohl zu den üblichen Anfangsschwierigkeiten. Kleinere Verspätungen haben andere Ursachen.

Taxifahrer vor dem Bahnhof Zoo nehmen es gelassen. „In Zukunft warten wir eben am Hauptbahnhof auf Kunden“, sagt einer. Das kann sich sogar lohnen, denn die Fahrt vom Hauptbahnhof nach Westend bringt mehr Geld ein als die Tour vom Zoo.

Auch im Bahnhof kehrt nach dem Abschied vom ICE um 0.23 Uhr schnell wieder der Bahnalltag ein: Der folgende Nachtzug, der weiter im Bahnhof Zoo hält, hat eine Stunde Verspätung.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben