Berlin : Insel der Seligen

Besinnungspause im Kalten Krieg: Vor 60 Jahren fand der Evangelische Kirchentag in Berlin statt – im Ost- und Westteil der Stadt

Andreas Meier
Glaube an die Einheit. Unter dem Motto „Wir sind doch Brüder“ trotzten die Organisatoren des evangelischen Kirchentags 1951 den politischen Verhältnissen in der Frontstadt des Kalten Krieges. Foto: Ullstein/Maschke
Glaube an die Einheit. Unter dem Motto „Wir sind doch Brüder“ trotzten die Organisatoren des evangelischen Kirchentags 1951 den...Foto: ullstein bild - Herbert Maschke

Alles schien offen, aber nichts war selbstverständlich in der Ruinenlandschaft der geteilten Stadt im Jahr 1951, als sich in den Julitagen vor sechzig Jahren rund 100 000 Ost- und Westdeutsche zum weltweit beachteten Evangelischen Kirchentag nach Berlin aufmachten – getragen von der Hoffnung einer gesamtdeutsch gestimmten „Besinnungszeit“, wie Günter Gaus, der spätere ständige Vertreter der Bundesregierung in der DDR, sich erinnerte. Vier Fünftel der Deutschen in Ost und West gehörten damals einer der beiden großen Kirchen an.

Am 7. November 1950 hatte das Kirchentagspräsidium in Stuttgart nach achtstündiger Debatte entschieden: Der dritte Kirchentag findet nicht wie geplant in Stuttgart, sondern in Berlin statt – trotz der Vorbehalte aus dem Präsidium. Die noch junge Organisation der deutschen Laienkirche, die erst zwei Treffen in Hannover (1949) und Essen (1950) veranstaltet hatte, begegnete Vorbehalten in Ost wie West. Aus gutem Grund befürchtete man eine „politische Verunreinigung des Kirchentages“ durch die Einflussnahme des DDR-Regimes. Berliner und Ostdeutsche wie Lothar Kreyssig (Magdeburg), späterer Gründer der „Aktion Sühnezeichen“, setzten sich durch: „Gottes Güte hat in Berlin eine Insel gelassen; in Berlin wird je und dann gesagt, was man bei uns nicht mehr zu sagen wagt.“

In einem Gespräch bei DDR-Ministerpräsident Grotewohl wurde im Januar 1951 dessen Sorge zerstreut, dass „die Grundtendenz unseres Kirchentages nicht der Grundtendenz der DDR entsprechen würde“. Der Kirchentag könne nicht im Voraus gegen die „Remilitarisierung“ festgelegt werden, aber die „persönliche Überzeugung“ der Kirchenleute sei bekannt. Das Leitwort „Wir sind doch Brüder“ war leicht als Version der DDR-Parole „Alle an einen Tisch“ misszuverstehen. In Bonn galt es Bedenken der Bundesregierung zu begegnen, dass der evangelische Friedenstheologe und ehemals Verfolgte des Nazi-Regimes, Martin Niemöller, den Kirchentag zur Bühne für seinen Kampf gegen die Wiederbewaffnung machen könnte. Ungeachtet solcher Vorbehalte förderten die Regierungen die Veranstaltung. 25 000 DM gewährte Bonn für die Fahrt der Jugendlichen aus den Westzonen zum Kirchentag. In Berlin steuerte der Senat 200 000 DM bei, der „demokratische Magistrat von Groß-Berlin“ gab 150 000 Ost-Mark dazu.

„Hast Du schon einen Gast zum deutschen evangelischen Kirchentag in Berlin? Melde Dein Freiquartier Deinem Pfarramt.“ Solche Dia-Einblendungen warben in Berliner Kinovorstellungen um Unterkünfte. Die Organisation des Kirchentages begann mit der Quartiersuche. „Die Opferbereitschaft, Kirchentagsbesucher aufzunehmen, war im Osten prozentual bedeutend höher als im Westen Berlins“, teilte Pfarrer Kurt Druschke mit. Das Angebot des Magistrats, „mit Stroh versehene Schulräume“ als Quartier zu nutzen, wurde dankbar angenommen. Für ostdeutsche Kirchentagsbesucher wurden Lebensmittelspenden in „Brotkörben“ gesammelt. Wegen der geringen Kaufkraft der Ost-Mark hätten sie sich anders bei Veranstaltungen im Westteil der Stadt nicht versorgen können.

11 000 Jugendliche füllten am 10. Juli zur Eröffnung des Deutschen Evangelischen Jugendtages die Werner-Seelenbinder-Halle. Eifrig verteiltes SED-Propagandamaterial verschwand wie in den kommenden Tagen ungelesen in Mülleimern.

1200 kirchliche und politische Amtsträger wurden in die Eröffnungsversammlung am 11. Juli ab 16.30 Uhr in der Marienkirche eingeladen. Die reservierten Plätze für den Bundespräsidenten, die Bundesregierung und den West-Berliner Senat blieben leer. Für Berlins Regierenden Bürgermeister Ernst Reuter (SPD) ebenso wie für die Adenauer-Regierung war es unvorstellbar, Kirchenbänke mit DDR-Politikern zu teilen. Nur Volksbildungssenator Joachim Tiburtius und Bundestagspräsident Hermann Ehlers saßen im Kirchenschiff – allerdings nicht als Politiker, sondern als Synodale. Ost-Zeitungen berichteten, US-Oberkommissar John McCloy habe das Fehlen von Senat und Bundesregierung kritisiert.

In vier Arbeitsgruppen ging der Kirchentag den Themenfeldern Bruderschaft in der Kirche, zu Hause, im Volk und bei der Arbeit mit Referenten aus Ost und West nach. Ein erweitertes Angebot und Sondertarife der Verkehrsbetriebe in Ost und West erleichterten die Fahrten zwischen den Tagungsorten – und boten die Möglichkeit unerwarteter Begegnungen und unkontrollierter Aussprache. Und wer, wie Pfarrer Reinhard Becker, der täglich aus dem nahen Sieversdorf zum Kirchentag nach Berlin pendelte, dafür an der Stadtgrenze hinnahm, dass sein Gepäck nach Viehzeug zum Verkauf auf dem schwarzen Markt durchsucht wurde.

Ein Hamburger Kaufmann überlegte, „wer von uns mehr der Fürbitte bedarf. Ihr in eurer großen Versuchung oder wir in der unsrigen.“ Ein Geheimtipp war die lebendige Laienschauspielbewegung, aus der 1949 die vom Bibelkreisler Horst Ernst Behrend gegründete Vagantenbühne hervorging. Am Platz der zerstörten Georgskirche am Alexanderplatz spielte eine Gruppe der Lazarusgemeinde das Verkündigungsspiel „Amos. Ein biblisches Spiel“, das der Oberstufenschüler Achim Giering 1948 geschrieben hatte. Das Stück stellte die quälende Frage „Was wird aus Deutschland?“ und bezog Zuschauer als Volk Israel ein. Die Bleischnur des Propheten Amos schied zwischen ehrlichen, gleichgültigen und verkappten Anhängern und teilte die Gesellschaft in jene, die den „Frieden“ und andere, welche die „Freiheit“ beschworen. Nach diesem Berliner Kirchentag sollte es lange dauern, bis Deutsche aus Ost und West sich wieder so vorurteilsfrei und offen begegnen konnten. Andreas Meier

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