Berlin : Insel der Widersprüche

Schauspieler und „Mutter Fourage“-Chef Wolfgang Immenhausen über den Reiz, ein Wannseat zu sein

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„Seit meinem zweiten Lebensjahr lebe ich in Wannsee. Verlassen habe ich das Haus meiner Familie nur für vier Jahre, als ich in Hamburg als Schauspieler arbeitete. Die Faszination dieses Stadtteils ist die gesellschaftliche Bandbreite, sind die großen Widersprüchlichkeiten und seine landschaftliche Schönheit.

Auf der östlichen Seite des Wannseer Werders die großbürgerlichen Villenkolonien, auf der westlichen Seite die Hohenzollern, Prinz Carl mit seinem Park in KleinGlienicke, und im Süden das kleine Dorf Stolpe. Für mich war es immer spannend, wie sich diese unterschiedlichen Gebilde gegenseitig belebt haben.

Der Bruder meines Großvaters witterte hier die Kaufkraft der Superreichen, Industriellen und Bankiers. Er eröffnete 1900 in der Chausseestraße eine Mehl- und Fourage-Handlung, also eine Futterhandlung für die Reitpferde der Villenbesitzer und Zugpferde der Fuhrleute, natürlich auch für den Eisernen Gustav, der in der nahen Alsenstraße wohnte.

Als Kind in den 50ern war es ein Paradies hier. Ich erinnere mich an Sommertage, den Geruch der Kiefern und den glühenden Sand. Die Welten südlich und nördlich der Königstraße waren noch getrennt. Als Junge des Dorfes hatte ich kaum Kontakt zur Villenkolonie.

Damals wurden in dem Geschäft meines Großvaters vor allem Kartoffeln verkauft. Ich habe viel beim Ausfahren geholfen. Auf Wunsch meines Vaters begann ich eine Landhandels-Lehre, brach die aber bald ab und wurde Schauspieler.

1978 habe ich die Hofgebäude an der Chausseestraße 15a von meiner Mutter übernommen und mit zwei Freunden die „Mutter Fourage“ gegründet. Wir wollten eine Art Landkommune, alles sollte ökologisch sein. Mit wenig Geld haben wir behutsam saniert. Hier wohnten ja noch wunderbare alte Leute, die bei meinem Großvater Kutscher waren. Allerdings blieben Verkauf und Beratung im ökologischen Gärtnern Hobby. Jeder ging noch seinem Beruf nach, bei mir war es das Schauspielern am Grips-Theater. Theater und Fourage liefen aber parallel - es ging um dieselben Umweltthemen. Unser politischer Arm war die Wählergemeinschaft Unabhängiger Bürger (WUB). Sie brachte es in Zehlendorf Ende der 70er Jahre auf 20 Prozent. Da war die Alternative Liste erst im Entstehen.

In der Fourage haben wir von Beginn an Konzerte und Kunstausstellungen veranstaltet, eine der wichtigsten war über den Wannseer Maler Philipp Franck. Franck war Weggefährte von Max Liebermann, in dessen Wannsee-Villa seit Jahren der Deutsche Unterwasserclub residierte. Über die WUB haben wir das Bezirksamt immer wieder aufgefordert, aus dem Wassersport-Grundstück wieder ein Liebermann-Haus zu machen. Doch erst nach langem Kampf wurde der Pachtvertrag geändert. 2002 zogen die Taucher aus. Seitdem ist die Wiederherstellung von Liebermanns Haus und Garten meine große Passion.“Aufgezeichnet von Thomas Loy

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