Insolvenz : Ohne Hertie fehlt was

Wie Kunden und Angestellte auf das Aus für die Kaufhäuser des traditionsreichen Namens reagieren.

Sandra Dassler
Hertie Tegel
Hertie in Tegel. In Berlin sind rund 250 Mitarbeiter von der Schließung der Kaufhauskette betroffen. -Foto: dpa

„Kann ich den wirklich nehmen?“ Die flott gekleidete und dezent geschminkte ältere Dame reicht einen Zwiebelhacker an den Mann hinter der Kasse: „Am besten führen Sie ihn mir mal vor!“ Der Verkäufer lächelt. „Es ist ’ne gute Firma“, sagt er und zeigt der Dame ruhig und freundlich, wie der Zwiebelhacker funktioniert. Die entschuldigt sich für ihre Zweifel: „Das letzte Mal hat er nicht lange gehalten.“

Das „letzte Mal“, als Helga Zabrzesky bei Hertie in der Moabiter Turmstraße einen Zwiebelhacker kaufte, ist allerdings viele Jahre her. „Ich habe hier immer alles eingekauft“, sagt die 79-Jährige: „Ich war schon dabei, als das Haus 1960 eröffnet wurde. Dass ich nun auch noch vielleicht erlebe, dass es schließen muss, hätte ich nicht gedacht.“

Einige andere Kunden, die an diesem Freitagmorgen hier einkaufen, pflichten ihr bei: „Die armen Angestellten“, heißt es, und „Jetzt ist hier in der Turmstraße bald gar nichts mehr los“. Fast alle haben im Radio gehört, dass die Rettung der insolventen Warenhauskette, die vor vier Jahren von Karstadt-Quelle an den britischen Finanzinvestor Dawnay Day verkauft wurde, gescheitert ist. Dass auch die drei Berliner Häuser in Schöneberg, Spandau und hier in Moabit demnächst schließen müssen, löst bei Passanten am U-Bahnhof Turmstraße unterschiedliche Reaktionen aus: „Damit stirbt wieder ein Stück Berlin“, sagt eine Frau. Eine andere meint hingegen: „Das Angebot ist doch immer schlechter geworden, von einem richtigen Sortiment konnte hier doch nicht mehr die Rede sein.“ Ein Mann stimmt ihr zu, meint aber: „Das liegt doch nicht an den Beschäftigten, sondern an ihren Managern. Das sind alles keine Kaufleute mehr, die wollen nur das schnelle Geld.“

Anders als Hertie-Gründer Hermann Tietz, der nach der Jahrhundertwende die beiden Berliner Kaufhäuser am Alex und in der Leipziger Straße baut. Mitte der zwanziger Jahre hat Hertie allein in Berlin zehn Filialen – auch das KaDeWe gehört dazu. Nach dem Krieg sind fast alle Häuser zerstört, doch Hertie überlebt und expandiert – unter anderem auch mit Häusern wie in der Moabiter Turmstraße. Als in den 80er Jahren die Umsätze einbrechen und Hertie 1994 an Karstadt verkauft, verschwindet der Name.

Um mehr als zehn Jahre später wieder aufzutauchen. Zuvor hatte Karstadt deutschlandweit 73 Warenhäuser mit einer jeweiligen Verkaufsfläche von unter 800 Quadratmetern in die sogenannte Kompakt-Gruppe ausgegliedert und zum 1. Oktober 2005 an die Dawnay Day Group verkauft, die ihre erworbenen Häuser 2007 wieder in Hertie umbenannte. Investiert wurde jedoch weder in Ideen noch in die zum Teil maroden Gebäude, sagt Mario Ratajczak, der Betriebsratsvorsitzende der Hertie-Filiale in der Turmstraße.

Der 40-jährige Einzelhandelskaufmann wurde gestern von Journalisten und Kollegen gleichermaßen mit Fragen bestürmt. Dabei weiß er doch auch nur, dass die Schließung wohl nicht mehr verhindert werden kann. Mit Kollegen der anderen Häuser und Verdi versucht er nun, Sozialpläne zu erstellen. „Vielleicht finden sich Unternehmen, die wenigstens unsere zehn Azubis übernehmen“, wünscht er sich. Denn im Juni und Juli wird es zum Ausverkauf kommen und dann ist Schluss mit Hertie in der Turmstraße.

„Das wird auch viele andere treffen“, sagt Bärbel Petzold, die an der Imbissbude vor dem Kaufhaus Wurst und Pommes verkauft. Die 53-Jährige zeigt auf die Bäcker, den Gemüsestand, den Zeitungsladen: „Wir leben doch hier alle mehr oder weniger von Hertie.“

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