Integration : Ein vorbildliches Zuhause

Vermieter in Berlin kassieren oft erhöhte Mieten von Roma und kümmern sich nicht um die hygienischen Verhältnisse. Auch ein Wohnblock in Neukölln war einst heruntergekommen und ist nun zum Modell-Projekt für Roma geworden.

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Im Blickpunkt. Das Wohnprojekt stößt auf großes Interesse. Hier ist der Vorsitzende des Zentralrats der Sinti und Roma, Romani Rose (rechts), zu Besuch.
Im Blickpunkt. Das Wohnprojekt stößt auf großes Interesse. Hier ist der Vorsitzende des Zentralrats der Sinti und Roma, Romani...Foto: Björn Kietzmann

Alles ist verändert in der Harzer Straße, östliches Neukölln, bis auf die Menschen, die Roma, die sind freundlich und scheu wie immer. Draußen stehen die Männer zusammen, diskutieren, drinnen sitzen die Frauen mit den kleinen Kindern, die noch nicht in die Kita gehen.

Vor zwei Jahren lebten sie hier in kaputten, überbelegten Wohnungen, Müllberge auf dem Hof, wurden als schmutzige Zigeuner beschimpft, jetzt ist alles saniert und aufgeräumt, die hinteren Brandwände sind mit einer riesigen Bergpredigt-Allegorie bemalt, im Keller gibt es Räume für Nähkurse, Deutschunterricht und Ausstellungen.

Der „Kulturraum“ mit Kappendecke und Backsteinpflaster ist ein Kleinod. Der Häuserblock mit seinen 400 Bewohnern wirkt wie eine christliche Gemeinschaft, ist aber das Vorzeige-Integrationsprojekt eines Mannes: Benjamin Marx von der Aachener Siedlungsgesellschaft aus Köln, einem katholischen Wohnungsunternehmen.

Über Geld möchte Marx nicht reden, eher über Diskriminierung und Perspektivlosigkeit der Roma in Südosteuropa. Das Haus sei „kein Signal, dass jetzt alle Roma hierherkommen sollen“. Aber der Nachweis, dass sie nicht an ihrem Elend schuld sind und „ganz normal leben wollen“, wenn man ihnen die Chance dazu gibt. In sauberen, trockenen, beheizten Wohnungen. Mit Hilfe der Kirche und der Solidargemeinschaft.

Die Aachener Siedlungsgesellschaft investiert in soziale Wohnprojekte, kann aber nur punktuell helfen. Die Harzer Straße sei eine „absolute Ausnahme“, sagt Bildungsstadträtin Franziska Giffey (SPD), die in Neukölln die „Roma-Arbeitsgruppe“ aus verschiedenen Behörden leitet. „Es gibt weiterhin einen Zuzug in Größenordnungen, eine klassische Armutswanderung.“ Jeden Monat müsse Neukölln statistisch gesehen eine neue Schulklasse aus Roma-Kindern aufnehmen.

Wie das Denkmal für die ermordeten Sinti und Roma eingeweiht wurde
Eine Rose liegt bei der Einweihungszeremonie auf dem Denkmal für die im Holocaust ermordeten Sinti und Roma. Künftig soll täglich eine frische Blume das Denkmal schmücken.Alle Bilder anzeigen
1 von 8Foto: dapd
24.10.2012 15:54Eine Rose liegt bei der Einweihungszeremonie auf dem Denkmal für die im Holocaust ermordeten Sinti und Roma. Künftig soll täglich...

Inzwischen gebe es 28 Lerngruppen, in denen die Kinder auf die deutsche Schule vorbereitet werden. 26 Mietshäuser in Nord-Neukölln seien praktisch komplett von Roma-Familien belegt. Die Vermieter kassierten oft überhöhte Mieten für überfüllte Wohnungen und kümmerten sich nicht um die hygienischen Verhältnisse. Das schürt natürlich die klassischen Zigeuner-Vorurteile.

Die Bewohner der sanierten Häuser sind größtenteils Mitglieder einer strenggläubigen Pfingstgemeinde aus der Nähe von Bukarest. Sie haben viele Kinder und suchen in Berlin nach einer Zukunft, die sie in Rumänien nicht mehr gesehen haben. Sie schicken ihre Kinder zur Schule und suchen Arbeit.

Neukölln verzeichnet inzwischen 3000 Gewerbeanmeldungen von Rumänen und Bulgaren. Nur als Gewerbetreibende dürfen sie bleiben und Sozialleistungen beantragen. Der Spiegel, der mehrfach über die Berliner Roma geschrieben hat, bezeichnet das als „Einwanderung in den deutschen Sozialstaat“. Stadträtin Giffey relativiert. Von den 3000 Gewerbetreibenden beantragten nur 700 zusätzliche Hartz-IV-Leistungen. Das Jobcenter habe strenge Regeln. Aufgestockt wird nur, wenn das Gewerbe wirklich einträglich ist. Viele Roma wissen gar nichts von Hartz IV oder fallen in die Hände von dubiosen Beratern. Giffey weiß von Kindergeldanträgen, für die 2000 Euro verlangt werden. Auch mit Krankenkassenkarten soll es einen florierenden Handel geben.

In der Harzer Straße werden die Roma seriös betreut. Die Caritas hat ein Büro eröffnet. Diana Stavarache, 35, kümmert sich um die Kinder im Haus. Die kleine schüchterne Frau trägt Rock und Strickjacke, die dunklen Haare zu einem Knoten gebunden. Mit Ehemann und sieben Kindern kam sie 2009 nach Berlin. Damals hatten beide Eltern ihre Arbeit verloren und ein krankes Kind zu betreuen. Überall schien es besser zu sein als zu Hause. „Unsere Kinder sollen anständige Berufe lernen.“ Die Älteste ist 17, geht aufs Gymnasium und will Medizin studieren.

Benjamin Marx glaubt an den Integrationswillen der Roma in seinem Haus. Viele Männer gingen arbeiten, als Handwerker oder Hausmeister. „Das sind ausgebildete Leute.“ Viele Politiker und ausländische Medien interessieren sich für sein Integrationsprojekt. An diesem Tag sind der Vorsitzende des Zentralrats der Sinti und Roma, Romani Rose, und der slowakische Botschafter, Igor Slobodník, zu Besuch. Slobodník möchte Marx für ein Roma-Projekt in der Slowakei gewinnen, und Rose macht Politik: „Deutschland trägt Verantwortung für die Minderheiten in Europa.“

Das Vorzeigeprojekt für die 400 Roma hat Neidreflexe unter den Nachbarn ausgelöst. Marx will das Haus deshalb öffnen; es soll kein Ghetto entstehen. Im Kulturraum sind regelmäßig öffentliche Veranstaltungen geplant, die ehemalige Eckkneipe gegenüber soll in eine Kita umgebaut werden. Im Januar kommen die ersten 15 sanierten Wohnungen auf den freien Markt, sie sollen nicht an Roma vergeben werden. Die Miete liegt bei 6 bis 7,50 Euro pro Quadratmeter.

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