Berlin : Integration für Fortgeschrittene

Einwanderer und Migrationsexperten diskutierten im Wissenschaftszentrum

-

Schön, wenn man über Integrationsschwierigkeiten mit wissenschaftlicher Distanz debattieren darf: Relativ wirken dann alltägliche Mühen und Schwierigkeiten mit Schulkindern, die kein Deutsch können, mit Mädchen, die nicht am Sportunterricht teilnehmen dürfen, mit zwangsverheirateten Frauen, die sich nicht zu helfen wissen, mit Schulabgängern ohne Perspektive, mit bravbürgerlichen Migranten, die sich verunglimpft und an den Rand der Gesellschaft gedrängt, in eine Parallelgesellschaft abgeschoben sehen, weil sie Muslime sind.

Über den Umgang mit Migranten, über Assimilierung und Parallelgesellschaft diskutierte am Montagabend ein interessant besetztes Podium im Wissenschaftszentrum Berlin: drei Fachleute mit „Migrantenhintergrund“ aus ganz verschiedenen Gebieten: die von chinesischen Einwanderern abstammenden amerikanische Autorin Gish Jen als Künstlerin; der Marburger Soziologe und Fachmann für Migrationsforschung der Vereinigten Staaten Mathias Bös als Wissenschaftler; die türkischstämmige Naturwissenschaftlerin und SPD-Bundestagsabgeordnete Lale Akgün als Politikerin.

Alles relativ: Das glaubt man gerne, wenn Gish Jen in perfekter Imitation einer alten chinesischen Einwanderin deren Sicht auf die Ehe ihrer Tochter mit einem amerikanischen Iren vorträgt. Waren nicht die Iren, kulturell, ethnisch und vorurteils- und chancengleichheitstheoretisch betrachtet, ebenso schlecht dran wie die Schwarzen in der amerikanischen Gesellschaft – und zwar so lange, bis die Chinesen kamen? Die Chinesen atmen jetzt langsam auf, weil in Amerika nun die Hispanos ihre Rolle übernommen haben.

Teilhabe und Sprache sind das Entscheidende: Das vermittelte Gish Jen, dem pflichteten der Soziologe Mathias Bös und die Politikerin Lale Akgün gerne bei. Bös wollte – nach Soziologenart – eigentlich nicht bewerten, wie es um die Migranten und deren Integration in die Gesellschaft hierzulande steht. Er sagte nicht mehr, als dass die Integration derzeit in einer riskanten und kritischen Phase sei – Umfrageergebnisse über diffus-wachsende Ängste vor dem Islam zeigen ihm das. Lale Akgün sagte, wenn man sehe, was andere Länder von England über die Niederlande bis zu den USA mit den verschiedenen Methoden erreicht hätten, stehe Deutschland nicht schlecht da. Oder auch relativ gut. wvb.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben