Integration : "Ich bin Thilo Sarrazin sogar dankbar"

Für die türkischstämmige Berlinerin Aylin Selcuk und ihre Ideen zur Integration interessieren sich auch die Dänen. Jetzt wurde sie nach Kopenhagen eingeladen.

Karin Schädler
Goethe im Rücken. Um über ihre Integrationsarbeit in Berlin zu reden, wurde die 21-jährige Aylin Selcuk jetzt von dem Kopenhagener Informationszentrum für Geschlechterthemen „Kvinfo“ eingeladen. Deren Direktorin ist die dänische Feministin Elisabeth Moller Jensen.
Goethe im Rücken. Um über ihre Integrationsarbeit in Berlin zu reden, wurde die 21-jährige Aylin Selcuk jetzt von dem Kopenhagener...Foto: Karin Schädler

Das Gesicht entspannt sich wieder. Aylin Selcuk dreht den Kopf, schaut ihre Gesprächspartner offen an. „In einer Hinsicht bin ich Thilo Sarrazin sogar dankbar“, sagt die junge Frau, die ihn immerhin angezeigt hatte wegen seiner Äußerungen über die Türken. Offenbar sei die Politik in den letzten Jahren weiter gewesen als die Bevölkerung, mit Integrationsgipfel, Islamkonferenz und dem Bekenntnis zu Deutschland als Einwanderungsland. „Jetzt wissen wir wenigstens, wo wir mit unserer Arbeit ansetzen müssen.“

Selcuk blickt auf die Fensterwand: ein Panoramablick auf den Kopenhagener Hafen. Das dänische Informationszentrum für Geschlechterthemen „Kvinfo“, das sie eingeladen hatte, zählt zu den bedeutenden Kulturinstitutionen der Stadt. Direktorin ist Elisabeth Moller Jensen, eine im Lande weithin bekannte Feministin. Sie möchte Selcuk näher kennenlernen und mit bestimmten Menschen zusammenbringen, etwa mit Yildiz Akdogan, der ersten türkischstämmigen Frau im dänischen Parlament.

Als Selcuk vor drei Jahren den Verein „Deukische Generation“ für junge Deutschtürken gründete, hätte sie nicht gedacht, dass man sie einmal für Vorträge ins Ausland einladen würde. Doch nun ist das Routine für die 21-jährige Berlinerin, die bereits mit der Kanzlerin und mit dem türkischen Premierminister an einem Tisch saß, an amerikanischen Elite-Universitäten sprechen durfte und beinahe jede Woche für den Verein irgendwo hinreisen muss. All dieser Erfolg, ihr Zahnmedizinstudium oder der Besuch eines Gymnasiums in Grunewald seien aber keine Bedingungen für Integration, sagt Selcuk. „Ich bin doch nicht verpflichtet zu studieren, um integriert zu sein.“ Ein Handwerker, wenn er Deutsch spreche und das Grundgesetz achte, sei ebenso integriert. Auch ein Kopftuch sei dafür kein Hindernis, das müsse jede Frau selbst entscheiden. Allerdings sei ein Mensch eben nur dann völlig integriert, wenn die „Aufnahmegesellschaft“ ihn auch akzeptiert. „Und das haben wir noch nicht erreicht.“ Deshalb organisieren Selcuk und ihre Mitstreiter Aktionen wie einen Werbespot mit dem Titel „Zukunft. Gemeinsam. Jetzt!“, sie besuchen Schulklassen und Selcuk schreibt derzeit ein Buch.

„Wir sollten so eine Organisation auch hier haben, nur wer macht es?“, sagt die türkischstämmige Schauspielerin Fadime Turan, die im dänischen Fernsehen als Stand-up-Comedian zum Thema Integration auftritt, nach dem Treffen. Auch Selcuk hat eigentlich gar keine Zeit, neben dem Studium der Zahnmedizin noch den Verein zu leiten. Es ist ein Vollzeitjob, das Studium muss nebenher laufen. „Ich weiß nicht mehr, wann ich zuletzt Fernsehen geschaut habe“, sagt Selcuk. Aber sie habe die Deukische Generation nun mal selbst gegründet. „Da stehe ich auch mit Herz dahinter.“ Außerdem sei sie ja selbst betroffen vom Thema.

Betroffen ja, aber als Opfer will sich Selcuk nicht fühlen – trotz zahlreicher Diskriminierungserfahrungen. Als sie zum ersten Mal von Jensens Mentorinnenprogramm für Migrantinnen in Dänemark hörte, war ihre Reaktion sofort: „Ich bin Deutsche, ich brauche keine Mentorin.“ Trotzdem ließen die Argumente der dänischen Feministin sie nicht kalt: Migranten haben häufig schlechtere Startchancen, weil sie nicht über ein vergleichbares Netzwerk an Kontakten verfügen, umso mehr, wenn sie Akademiker werden möchte, die Eltern aber keine sind.

Selcuks Eltern sind allerdings Akademiker: Ihre Mutter leitet eine Bankfiliale, ihr Vater ist Redakteur bei der türkischen Zeitung „Hürriyet“. Bildung sei beiden extrem wichtig gewesen. „Im Zweifelsfall wären meine Eltern barfuß gelaufen, um mir Nachhilfeunterricht zu ermöglichen.“ So zogen sie auch von Moabit nach Grunewald und Selcuk kam an eine Schule, an der es außer ihr nur noch eine andere Türkischstämmige gab. Dort habe sie immer als „Ausnahme“ gegolten: Hier die gute Aylin – dort der böse Türke aus Neukölln. „Das hat mich mit den Jahren immer mehr belastet, denn ich hatte ja zu Hause auch türkische Eltern“, sagt Selcuk. Ihr Verein soll deshalb ein Sprachrohr für alle deutsch-türkischen Jugendlichen sein, egal wie viel Geld ihre Eltern haben. Selcuk will mehr als nur Integration: dass die Türkischstämmigen partizipieren können und das Beste aus sich herausholen.

Als Selcuk am Abend im Kopenhagener Goethe-Institut zu Gast ist, fragt Jensen sie vor versammeltem Publikum, ob sie sich vorstellen könnte, nach ihrem Studium in die Politik zu gehen. Selcuk will es nicht ausschließen, kann es sich aber momentan nicht vorstellen. Jensen habe doch vorhin selbst erzählt, dass die dänischen Politiker zum Beispiel während des Streits um die Mohammed-Karikaturen vor fünf Jahren wie gelähmt waren. „Als einfacher Mensch kann man oft viel mehr bewegen, weil man nicht wiedergewählt werden muss“, sagt Selcuk. Für sie sei vor allem wichtig, konstruktiv zu denken. Alle, auch Menschen ohne Migrationshintergrund, sollten selbst überlegen, was sie für die Integration tun können. Aussagen wie die von Sarrazin seien das Gegenteil und dazu sei es nahe an der Rassentheorie, wenn man über Genetik spreche, sagt Selcuk. „Aufgrund unserer Geschichte müssen wir sensibler damit umgehen.“

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