Integration : Leben im Wartestand

Viele palästinensische Flüchtlinge leben als geduldete Personen in Berlin. Ihr Alltag ist geprägt von Bürokratie, Unsicherheit und Zukunftsangst. Sozialsenatorin Carola Bluhm und Integrationsbeauftragter Günter Piening haben einige betroffene Familien besucht.

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Erhellend. Senatorin Carola Bluhm besucht einen arabischen Laden. Foto: Davids/Huebner
Erhellend. Senatorin Carola Bluhm besucht einen arabischen Laden. Foto: Davids/HuebnerFoto: DAVIDS/Huebner

Nadine El-Jamal ist eine dralle 18-Jährige mit wachen Augen und offenem Lächeln. Sie macht bald Abitur. Ihre Eltern sind Palästinenser aus dem Libanon. Ohne jeden anklagenden Unterton schildert sie in druckreifem Deutsch die Lage ihrer Familie. „Ich bin in Dubai geboren, wo mein Vater als Ingenieur eine Firma hatte. Er war sehr anerkannt. Seit 13 Jahren sind wir in Berlin, die ganze Zeit auf Duldung. Man ist in stetiger Abhängigkeit vom Jobcenter – so bleibt man Unterschicht. Vor Klassenfahrten mussten wir immer extra Anträge stellen, durften nicht wie alle anderen einfach mitfahren. Dann schämt man sich.“

Sozialsenatorin Carola Bluhm (Linke) und Berlins Integrationsbeauftragter Günter Piening nicken. Erfahrungen wie diese sind ihnen nicht neu. Beide hatten sich gestern gemeinsam mit Journalisten auf eine Tour zu Berliner Palästinensern gemacht. Eines gab es dabei vor allem zu lernen: Gib den Einwanderern eine Chance, und sie nutzen sie. Das lässt sich an den palästinensischen Bürgerkriegsflüchtlingen aus dem Libanon besonders gut illustrieren. Jahre, oft Jahrzehnte waren sie im Status der Duldung, durften weder arbeiten noch eine Ausbildung machen. 2005 erließ Berlin eine Sonderregelung, durch die Palästinenser aus humanitären Grünen eine Aufenthaltserlaubnis bekommen konnten. Viele durften jetzt arbeiten. „Mein Vater hat sich sofort selbstständig gemacht, um nicht mehr vom Jobcenter abhängig zu sein“, sagt Nadine El-Jamal. Das sei typisch, sagt Piening. Sobald der Status gesichert sei, entstehe Aufbruchstimmung – die Leute kümmerten sich um eine Zukunft für ihre Kinder und um ihre eigene Integration. Binnen fünf Jahren wurden 2382 solche Aufenthaltserlaubnisse erteilt.

Stationen der Tour waren ein Frühstückscafé und die arabische Jugendeinrichtung Karame, beide in Moabit, ein Restaurant und Lebensmittelgeschäft in der Neuköllner Sonnenallee und der Arbeitskreis Neue Erziehung an der Hasenheide. Dort war auch Maradona Akkouch anzutreffen, einer der Stars des auf der Berlinale ausgezeichneten Films „Neukölln unlimited“. In dem Film über drei junge Breakdancer geht es auch um die Willkür der deutschen Abschiebepraxis. Während Maradonas Geschwister Hassan und Lial den Film auf Festivals in der ganzen Welt präsentierten, musste Maradona in Berlin bleiben – er ist nur geduldet, weil er vor einigen Jahren straffällig geworden war. Damit habe er aber komplett abgeschlossen, sagt er. Der Zehntklässler lernt gerade für den Mittleren Schulabschluss, auch wenn er nicht weiß, was dieser ihm bringt: „Das Schlimmste an der Duldung ist, dass ich nicht meinen Traumberuf ergreifen kann – Feuerwehrmann.“ Dabei sucht die Feuerwehr dringend Leute, am liebsten mehrsprachige.

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