Integration von Geflüchteten : „Der Großteil der Menschen wird bleiben“

Der Migrations-Beauftragte des Senats, Andreas Germershausen, spricht im Interview über Integrationsanstrengungen. Vom Bund fühlt er sich vernachlässigt.

von und Muhamad Abdi
Flüchtlinge aus Syrien in einer Unterkunft in Berlin-Hellersdorf.
Flüchtlinge aus Syrien in einer Unterkunft in Berlin-Hellersdorf.Foto: picture alliance / dpa

Andreas Germershausen ist der Beauftragte des Senats für Integration und Migration seit 2015. Davor arbeitete er bereits 14 Jahre lang im Ressort der Integrationsbeauftragten – oder Ausländerbeauftragten, wie der Posten zu seinem Dienstantritt noch hieß. Er hatte sich anonym auf die Stelle beworben. Im Gegensatz zu sendungsbewussten Vorgängern wie Barbara John gilt der 64-Jährige als zurückhaltend und tritt nicht mit provozierenden Stellungnahmen zum Thema Integration auf. Bevor er in der Senatsverwaltung begann, war Germershausen als Migrationsforscher in Göttingen, Berlin und Bangkog tätig.

Herr Germershausen, was bedeutet Integration für Sie?

Ich habe für meine Arbeit drei Prinzipien: Das eine ist interkulturelle Öffnung, das zweite ist Partizipation und das dritte ist die Ombudsrolle, und ich glaube, alle drei Aspekte machen dann letztendlich Integration aus. Insofern sehen Sie schon, dass ich mich deutlich abgrenze von dem, womit Integration lange verwechselt worden ist, nämlich der Assimilation. Es geht nicht um die Angleichung eins zu eins an deutsche Verhältnisse, sondern die Stadt verändert sich auch durch Migranten. Und das macht sie auch bei der Aufnahme von Geflüchteten. Integration verstehe ich als einen dynamischen Prozess, der Zuwanderinnen und Zuwanderer ebenso einbindet wie die gesamte Stadtgesellschaft. In diesem Prozess fügen sich Zuwanderer in das gesellschaftliche Leben ein. Gleichzeitig verändert sich die Stadt, wird vielfältiger. Zuerst müssen aber Grundbedingungen geklärt sein wie ein sicherer Aufenthaltsstatus, eine Wohnung und Zugang zu Bildung.

Wann kann ein Flüchtling sagen, jetzt bin ich integriert?

Ein Kriterium kann eine positive Bewertung der Lebenschancen in Berlin sein. Ich denke bei Integration nicht vorrangig an eine Versorgung. Es geht mir darum, dass Geflüchtete ihre Potenziale und Zukunftschancen nutzen.

Wie lange wird so ein Prozess dauern, bis ein Flüchtling all diese Schritte durchlaufen hat – zwei Jahre, drei Jahre?

Bis sie in den Arbeitsmarkt integriert sind, wird es für viele Geflüchtete noch länger dauern als die drei Jahre. Manche sind fit und finden sofort den Weg; einige können sofort auf Englisch arbeiten, etwa in der IT-Branche. Was die große Zahl anbelangt, ist das ein längerer Prozess, darauf müssen wir uns einstellen. Das liegt schon daran, dass fast überall am Arbeitsplatz nur Deutsch gesprochen wird. Deshalb bietet Berlin auch berufsbezogene Sprachkurse an.

Fühlen Sie sich da vom Bund im Stich gelassen?

Positiv ist, dass der Bund überhaupt die Integrationskurse für Menschen im Asylverfahren geöffnet hat; ich kritisiere aber, dass er dieses Angebot nur Geflüchteten aus fünf Herkunftsländern macht. Berlin geht einen anderen Weg und bietet allen Geflüchteten Sprachkurse an. Das ist richtig, da sonst Integrationsschritte verschlafen würden. Die Zahlen belegen das: Die Gesamtschutzquote lag 2016 in Berlin bei 62,4 Prozent, im Jahr 2017 liegt sie bisher bei 44,7 Prozent. Das heißt, etwa die Hälfte der Asylsuchenden bekommt einen positiven Bescheid und wird bleiben. Von denen, die nicht unmittelbar den Schutz erhalten haben, sind jetzt viele in den Verwaltungsgerichtsverfahren. Man kann natürlich den Gerichten nicht vorgreifen, aber es werden auch viele über die Gerichtsverfahren oder aus ganz anderen Gründen ein Bleiberecht bekommen. Ich gehe davon aus, dass ein großer Teil dieser Menschen hierbleiben wird. Daher werden wir nicht nachlassen dürfen mit unseren Anstrengungen zur Integration dieser Bevölkerungsgruppe, um Erfolg für diese zu ermöglichen und Konflikte zu vermeiden.

Wann wird der Integrationsprozess abgeschlossen sein?

Integration und Teilhabe gehören zu unserer Gesellschaft und sind der Normalfall in Berlin. Berlin hat in den letzten Jahrzehnten stets Geflüchtete aufgenommen. Also ist weder die Zuwanderung noch die Integration je abgeschlossen. Nach meiner Vorstellung werden die 2015 und 2016 Gekommenen sich hoffentlich 2020 hier ihr Lebensumfeld aufgebaut haben und auch aus ihrer Selbstwahrnehmung heraus vollständig „angekommen“ sein.

Die Arbeitsmarktintegrationsstrategien der Kammern und der Bundesregierung zielen auf Flüchtlinge unter dreißig Jahren und auf die Integration in die Ausbildung ab. Allerdings gibt es auch eine große Gruppe älterer Flüchtlinge. Was tun Sie, um diese Gruppe in Arbeit zu bekommen?

Da stimme ich Ihnen zu, da habe ich schon Berichte gehört von Leuten, die sagen: „Ich bin schon 35 und habe daher Schwierigkeiten auf dem Arbeitsmarkt“. Das finde ich bedrückend. Dieser Eindruck darf gar nicht entstehen. Wenn Menschen schon Qualifizierungen mitbringen, müssen wir diese anerkennen und auf sie aufbauen. Dazu haben wir spezifische Beratungsangebote und bieten über einen Härtefallfonds finanzielle Hilfen etwa für diejenigen, die sich die Übersetzung ihrer Zeugnisse nicht leisten können. Für diejenigen, die zwar Berufserfahrung haben, die hier aber formal nicht anerkannt werden können, hat Berlin Projekte wie das Berliner Netzwerk für Bleiberecht oder Arrivo auf den Weg gebracht, bei denen die Geflüchteten im direkten Kontakt mit Unternehmen ihr Können für den hiesigen Arbeitsmarkt erweitern.

Wie ist Berlin auf einen möglichen Anstieg der Flüchtlingszahlen vorbereitet und wie kann solchen Situationen wie 2015 vorgebeugt werden, ohne dass es zu Ressourcenverschwendung kommt, etwa durch unnötig errichtete Flüchtlingsunterkünfte wie die zweite Traglufthalle oder die Blumenhalle auf dem Tempelhofer Feld?

Alle Strukturen müssen mit der Option auf Erweiterung gedacht werden. Sowohl das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge, die Bundesagentur für Arbeit und auch die Landesbehörden, wie etwa das Landesamt für Flüchtlingsangelegenheiten, haben Personal aufgestockt, und das braucht es auch, um die anfallenden Aufgaben erledigen zu können. Für den Fall einer wieder stärkeren Zuwanderung müssen wir viel schneller in der Lage sein, Ressourcen zu erweitern, als das 2015 der Fall war.

Stichwort lange Wartezeiten für Flüchtlinge und Frustration, die sich islamistische Gruppierungen zunutze machen. Wie ist der Berliner Ansatz zur Extremismusbekämpfung?

Die Extremismusbekämpfung ist vorrangig eine Aufgabe der Sicherheitsbehörden. Zudem bietet die Innenverwaltung im Rahmen des Landesprogramms gegen Radikalisierung Beratungen zur Prävention und auch zum Ausstieg aus extremistischen Gruppen an. Die Senatsverwaltung für Justiz bietet Workshops über rechtsstaatliche Grundlagen an. Grundsätzlich ist das eine Thematik, die ich nicht schönrede. Das unterschätzt niemand. Ich selbst spreche mit allen Vertretern im Islamforum die Fürsorge für Geflüchtete an, besuche auch die Gemeinden. Sie sind Orte, wo Geflüchtete Rückhalt finden, spirituell und sozial.

Im Rückblick auf Ihre 16 Jahre im Ressort – was ist Ihr Resümee? Was hat sich verändert in dieser Zeit?

Eine kleine Anekdote: Als Berlin damals feststellte, dass ihnen mit dem Fall der Mauer eine der Hauptattraktionen verloren gegangen war, wurde ein Tourismuskonzept entwickelt. In der Zwischenzeit ist Berlin unheimlich interessant geworden. Niemand hat damals erwarten können, dass so viele Menschen aus aller Welt nach Berlin kommen wollen. Das liegt an der Vielfalt in der Stadt. Berlin ist die am meisten durch Diversity geprägte Metropole Deutschlands. Das macht Berlin spannend und wirkt wie ein Magnet für Touristen und für Zuwanderung aus dem Ausland. Die Aufnahme der Geflüchteten in den letzten zwei Jahren bewerte ich als einen Türöffner. Vorher haben wir im Stillen daran gearbeitet, unsere Stadt auf Zuwanderung einzustellen. Plötzlich waren alle Verwaltungen gehalten, auf die Bedürfnisse der Neuankommenden unter starker öffentlicher Wahrnehmung zu reagieren. Jetzt ist es meine Aufgabe, diese positiven Energien so aufzugreifen, dass die Stadt nachhaltig von Zuwanderung profitiert.

Das Interview führten Nantke Garrelts und Muhamad Abdi

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