Integration : Wie Einwanderer in Berlin über Erdogan diskutieren

Viele Deutsch-Türken in der Hauptstadt halten wenig von den Sätzen des türkischen Premiers Erdogan, sich nicht zu sehr an die Deutschen anzupassen. Religiöse sehen aber auch Positives darin. Was bedeutet Assimilation?

Claudia Keller
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Oranienburger Straße in Kreuzberg. Ist Assimilation ein "Verbrechen gegen die Menschlichkeit"? -Foto: Kai-Uwe Heinrich

Fragt man Berliner Türken, was sie von der umstrittenen Rede des türkischen Ministerpräsidenten Recep Tayyip Erdogan in Köln halten, ergibt sich dieses Bild: Wer säkular eingestellt ist, kann nicht nachvollziehen, was Erdogan „geritten hat“, wie es Safter Cinar vom Türkischen Bund ausdrückt. Erdogans Warnung an die Türken, sie sollten sich nicht zu sehr an Deutschland anpassen („Assimilation ist ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit“) sei überflüssig und unangebracht.

„Hier will uns doch gar niemand mehr assimilieren“, sagt Mustafa Akcay vom Türkisch-Deutschen Zentrum in Neukölln. Auch Bilkay Öney, die migrationspolitische Sprecherin der Grünen im Abgeordnetenhaus, fand Erdogans Rede in der Köln-Arena ziemlich daneben. „Er kann nicht am Tag zuvor den deutschen Medien gegenüber die Türken zu mehr Integration auffordern und am nächsten Tag die Türken vor zu großer Anpassung warnen.“ Das mache ihn unglaubwürdig. Sie schätzt, dass sich die Rede vor 16 000 Türken vor allem an die Anhänger von Erdogans konservativer AK-Partei richtete. Davon gebe es unter den Deutsch-Türken viele. Öney schätzt, dass über die Hälfte nationalistisch-konservativ eingestellt ist. „Sie wollen ihre Werte konservieren, sagt Öney, „weil sie Angst haben, in der Fremde ihre Identität zu verlieren“.

Zu ihnen gehören auch die religiös eingestellten Türken. Unter ihnen gibt es nicht wenige, die Erdogans Rede „gar nicht so schlecht“ fanden, wie es etwa bei der Ditib heißt, der Türkisch-Islamischen Union der Anstalt für Religion, einem Ableger des türkischen Religionsministeriums. Assimilation sei ein Reizwort, mit dem viele die Forderung verbinden, ihre kulturellen und religiösen Wurzeln kappen zu müssen. Die religiöse und die kulturelle Identität aber sei Bestandteil der Menschenwürde. Von daher habe Erdogan recht mit der Aussage, die Forderung, diese Identität aufgeben zu müssen, verletze die Menschenwürde.

„Es ist ja noch gar nicht lange her, dass Otto Schily die Meinung äußerte, Integration ist Assimilation“, sagt Bekir Yilmaz, der Vorsitzende der Türkischen Gemeinde Berlin. Mittlerweile aber sei unter deutschen Politikern wie unter den Türken Konsens, dass sich die Einwanderer integrieren, die Sprache lernen und, natürlich, die Gesetze achten müssten. Nur noch „ein paar Spinner“ würden verlangen, dass die Zugewanderten ihre kulturellen und religiösen Werte aufgeben müssten. Und weil dies nun Konsens sei, versteht Yilmaz die Aufregung um Erdogans Rede nicht. So ernst müsse man das doch gar nicht nehmen. Politiker der Union würden diesen Punkt in seiner Rede „aufbauschen“.

Auch dies ergab die Umfrage: Für religiöse, ihre türkische Identität eher pflegende Menschen ist es selbstverständlich, dass Angela Merkel die Bundeskanzlerin auch der hier lebenden Türken ist. „Das ist doch klar“, heißt es bei der Ditib, „das muss sie gar nicht besonders betonen“. Merkel hatte am Montag den türkischstämmigen Menschen in Deutschland versichert, ihre Sorgen ernst zu nehmen. „Ich bin ihre Bundeskanzlerin“, hatte sie in Hamburg gesagt.

Für diejenigen, die versuchen, hier beide kulturellen Identitäten zu leben, war es eine richtige Wohltat, von der Kanzlerin einmal direkt angesprochen worden zu sein. „Viele Migranten ärgern sich, wenn Politiker nur über die Medien über sie sprechen und nicht direkt mit ihnen“, sagt Bilkay Öney von den Grünen. Merkels direkter Appell sei „überfällig“ gewesen und eine „sehr wichtige symbolische Handlung“. Dem Beispiel sollte auch Klaus Wowereit folgen, findet Öney, der sei für die Migranten „als Bürgermeister bislang nicht sichtbar“. Ein Vorbild in dieser Hinsicht sei der verstorbene Bundespräsident Johannes Rau gewesen. Er habe von den Einwanderern klar gefordert, dass sie sich integrieren müssen, aber ihnen gleichzeitig das Gefühl gegeben, dazuzugehören. Auch in der Türkei sei er sehr beliebt gewesen. Dort habe man ihn „Abi Rau“ genannt – „Bruder Rau“.

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