Integration : Zwischen den Welten

Die Türken sind am schlechtesten in Deutschland integriert, sagt eine Studie. Jeder dritte türkische Einwanderer ist in Berlin ohne Bildungsabschluss. In Neukölln treffen sich nun Migranten, um über diese Probleme zu reden.

Ferda Ataman

Kommunikation ist wie ein Auto – es muss ständig gepflegt werden, sonst bleibt es auf der Strecke. Das ist die Botschaft, die Psychologe Kazim Erdogan vermitteln will. 52 Türken sitzen in seinem Büro beim Psychosozialen Dienst in Neukölln eng nebeneinander und hören zu, manche Frauen tragen ein Kopftuch, andere blondierte Strähnen im offenen Haar. Daneben sitzen Männer mit Schnurrbart und Jugendliche mit Baseballkappen. Sie suchen Hilfe für ihre Probleme zu bekommen, die Probleme türkischer Einwanderer. Kazim Erdogan hat die Selbsthilfegruppe „Unser neues Dorf“ getauft.

Das Thema der ersten Sitzung klingt simpel, dreht sich aber um ein gravierendes Problem: „Warum fällt es uns so schwer, uns mit unseren Kindern zu unterhalten?“, fragt er in die Runde. Betroffene Stille. Dann meldet sich ein Großvater aus der ersten Reihe: „Wir stammen von einer traditionellen Kultur ab, bei uns werden Kinder streng erzogen“, sagt er langsam, „wir betrachten sie nicht als Gleichberechtigte, wir hören ihnen nicht richtig zu – deshalb lernen sie das Kommunizieren auf der Straße.“ Eine jüngere Frau mit Kopftuch widerspricht: „Mein Vorredner hat zwar recht, aber meine Generation ist nicht so“, sagt sie. Sie habe zwei Kinder und versuche, sehr viel mit ihnen zu reden. Nicht immer erfolgreich, verstehe sich. Eine andere Mutter, die ihr Haar in Rosa verhüllt, erzählt: „Meine Eltern haben mich nie gefragt, was ich brauche. Ich wurde so nebenbei erzogen, aber ich versuche, das bei meinen Kindern anders zu machen.“ Eltern wie sie haben es nicht leicht, sie stecken zwischen zwei Welten.

Wie notwendig Initiativen wie der Neuköllner Gesprächskreis sind, belegt eine aktuelle Studie des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung. Danach sind türkische Einwanderer die am schlechtesten integrierte Migrantengruppe in der Bundesrepublik. Im Vergleich zu anderen Minderheiten sind sie schlechter gebildet, schlechter bezahlt und häufiger arbeitslos. Brisant daran ist: Das gilt für die erste Einwanderer-Generation ebenso wie für deren Nachkommen. Jeder dritte Deutschtürke hat hier keinen Schulabschluss.

Reiner Klingholz, Direktor des Berlin-Instituts, sieht die Gründe für das erschreckende Ergebnis vor allem darin, dass „so gut wie nie qualifizierte türkische Einwanderer nach Deutschland kamen“, sondern solche mit niedrigem Bildungsstand. „Und Integrationspolitik gibt es erst seit drei, vier Jahren“, sagt Klingholz, „Deutschland hat sich eben bis vor kurzem nicht als Einwanderungsland verstanden.“ Das deutsche Bildungssystem habe auf dieses Problem viel zu spät reagiert. Der Wissenschaftler sieht die Politik in Ländern und Kommunen gefordert.

Mancherorts werden die Probleme angepackt, wie im Neuköllner Selbsthilfekreis. Die Gruppentherapie am Feierabend haben türkische Großeltern, Eltern und ihr Nachwuchs selbst angeregt. Bei einer Veranstaltung auf dem Campus Rütli wurde Sozialarbeiter Erdogan gebeten, so eine Runde zu organisieren. Alle zwei Wochen wollen sie sich treffen. Therapiesprache ist Türkisch. „Die Leute fühlen sich dabei wohler“, sagt Erdogan.

Auch die Jugendlichen kommen zu Wort. Eine Teenagerin mit Pferdeschwanz beschwert sich über ihre Eltern, die ihre schulischen Leistungen mit denen der Nachbarskinder vergleichen. „Wir dürfen in ihrer Gegenwart ja auch nicht für andere Eltern schwärmen“, sagt sie und fordert mehr Vertrauen von den Erwachsenen in ihren Nachwuchs.

Eine Schülerin fällt ihr ins Wort: „Wenn es um Familie und Ehre oder so was geht, dann reden die Erwachsenen groß, aber keiner von denen hat seine Kinder im Griff, die in der Hasenheide Drogen kaufen.“ Ein Mädchen bringt den Generationenkonflikt auf den Punkt: „Die soziale Aktivität meiner Mutter besteht darin, Serien im türkischen Fernsehen zu schauen.“ Sie selber gehe lieber mit Freunden aus oder in Konzerte. Von ihren Eltern verlangt sie, dass die das entweder respektieren, oder sich überwinden und mitkommen. „Ich würde gerne mal mit meiner Mutter ins Theater“, sagt sie. Der Opa aus der ersten Reihe nickt verständnisvoll. Die Jugend heute lebt eben anders als zu seiner Zeit. Ferda Ataman

Die Studie im Internet: www.berlin-institut.org




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