Berlin : Intensivtäter: Probleme beginnen in der Grundschule

Studie belegt Mangel an Hilfsangeboten Pädagogen fordern Sozialarbeiter für Kinder

Susanne Vieth-Entus

Welche Vorgeschichte haben jugendliche Intensivtäter und welche Erfahrungen haben sie gemacht? Das sind zwei der Fragen, die seit rund zwei Jahren Claudius Ohder beschäftigen. Der Professor und Kriminologe der Fachhochschule für Verwaltung und Rechtspflege hat im Auftrag der vom Senat eingerichteten „Landeskommission gegen Gewalt“ über 250 Akten von Intensivtätern untersucht. Nun liegt das Ergebnis vor.

Demnach wuchs jeder vierte jugendliche Serientäter ohne Vater auf; rund 70 Prozent stammen aus Migrantenfamilien. „Auffallend häufig“ gehören sie zu ethnischen Minderheiten, die schon in den Herkunftsländern benachteiligt oder verfolgt wurden wie Albaner, Bosnier, Kurden und vor allem Palästinenser. Zu den grundlegenden Erfahrungen der Kinder oder ihrer Eltern gehört Flucht oder Asyl.

Die Akten enthalten häufig Hinweise auf erzieherische Defizite wie „geringe Kontrolle und Aufsicht“ bis hin zu „schwerer Vernachlässigung“. Nur ein Drittel der Väter hat ein Existenz sicherndes Einkommen. Ein Teil der Migranten wurde in Deutschland geboren, etliche kamen aber erst relativ spät nach Deutschland, so dass sie völlig ohne Deutschkenntnisse eingeschult wurden. Die Schullaufbahnen gestalten sich denn auch denkbar negativ: Oft beginnen die Probleme schon in der Grundschule, so dass 90 Prozent der jugendlichen Täter auf Haupt- oder Sonderschulen landeten. Nur bei einem Fünftel wird ein Schulabschluss erwartet. Bei jedem dritten Intensivtäter enthalten die Schulakten Hinweise auf auffälliges Sozialverhalten, mitunter über die gesamte Schulzeit erstreckt, vor allem aber in der Oberschule. Aggressives Verhalten gegenüber Mitschülern oder Lehrern spielt in den Akten häufig eine Rolle ebenso wie das Sitzenbleiben und Schwänzen: Bei 24 Prozent wurde „regelmäßiges“, bei 28 Prozent „anhaltendes“ Schulschwänzen bis hin zu Schulverweigerung registriert. Oftmals ähneln sich die Befunde der Migranten und der Deutschen.

Interessant ist, dass nur in 15 Prozent der Fälle Sanktionen in Form von Schulverweisen und Schulwechseln erfolgten. Hilfsangebote wie Schwänzerprojekte, Einzelunterricht oder Sprachförderung wurden nur in zwölf Prozent der Fälle dokumentiert. „Der geringe Schulerfolg ist Grund für die Annahme, dass einschlägige Maßnahmen hinter dem eigentlichen Bedarf zurückgeblieben sind“, heißt es in der Studie, die dem Tagesspiegel vorliegt.

Zusätzlich werden gegenwärtig rund 25 inhaftierte Straftäter unter 18 Jahren interviewt. Sie wurden deshalb ausgewählt, weil bei ihnen noch die Schülerakten existieren. Mit Hilfe der Gespräche und Schülerakten will Professor Ohder herausfinden, was das Abrutschen der Jugendlichen jeweils befördert oder ausgelöst hat und welche Rolle dabei ein Zuviel oder ein Zuwenig an Intervention gespielt haben könnte. Im Sommer sollen die Ergebnisse vorliegen. Schon jetzt steht aber für Ohder fest, dass das Abrutschen der Jugendlichen ins kriminelle Milieu eng verknüpft ist mit der Erfahrung des schulischen Misserfolgs.

„Die Probleme müssen schon in der Grundschule gelöst werden“, fordert Gerhard Schmid, Oberschulrat und Regionalsprecher des konservativen Bundes Freiheit der Wissenschaft. In der Hauptschule sei das zu spät. Jahrzehntelang habe man „Anti-Gewalt-Projekte“ produziert, ohne die Wirksamkeit abzufragen. Schmid hält es der Entwicklung des Unrechtsbewusstseins zudem für abträglich, dass Schüler sogar innerhalb eines Kollegiums auf unterschiedliche Toleranzgrenzen stoßen. Es sei einem Heranwachsenden kaum verständlich zu machen, warum der eine Lehrer einen Verstoß ahnde und der andere nicht. Wie Ohder fordert auch Schmid Sozialarbeiter für Grundschulen.

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